Thorsten Havener: Denk doch, was du willst

Thorsten Havener ist keiner von diesen so genannten Kommunikationsgurus. Als Diplomdolmetscher gehörte es unter anderem zu seinem Job, Menschen genau zu beobachten. Das baute er aus und das Ergebnis sind erfolgreiche Bühnenshows als eine Art Zauberer im Gedankenlesen. Was ihn von anderen unterscheidet: Er entzaubert sich selbst und nimmt sein Publikum mit auf die Reise zur wissenschaftlichen Basis seiner Show. Und was viele noch mehr begeistert: Er macht das auf verständliche Art und Weise.

Leserbindung und Rapport

Ob NLP (Neurolinguistisches Programmieren) als Technik oder Paul Watzlawick als Godfather der Kommunikation – selbst die ungeschulten Leser kann Havener auch in seinen Büchern abholen und mitnehmen. Bereits im Vorwort baut er Leserbindung auf, indem er diejenigen mit einem super Kartentrick belohnt, die es überhaupt lesen. Selbst seine Warnung, dass im Rest des Vorworts nichts mehr kommt, ist durchaus ernst gemeint. Mit Alltagsanekdoten zum Beispiel darüber, wie er selbst schon an der Haustür ein Opfer der Manipulationen von Klinkenputzern geworden ist, baut er weiter das auf, was er Rapport nennt. Damit etabliert er einen neuen Begriff, der so gar nichts mit dem gewohnten Rapport im Sinne eines allgemeinen Berichts zu tun hat. Laut Havener ist der Rapport „…die schönste Verbindung der Welt“

Ob Pacen oder Leaden – Havener mag trotzdem keine Anglizismen

Wie es vom Rapport zum Pacen und Leaden kommt, leuchtet nach der Lektüre von Haveners „Denk doch, was du willst“ ein Mal mehr ein. Selbst den Nebenschauplatz der nervenden Anglizismen, die sogar die deutsche Kommunikationslehre bestimmen, nimmt er wahr und greift ihn auf: „Mir gehen diese englischen Fachausdrücke auch auf die Nerven, aber Sie wissen schon, was ich meine.“ Und weiter geht’s zur Körperhaltung und wie mit ganz einfachen Mitteln das Gegenüber so manipuliert werden kann, dass es automatisch so handelt, wie man es will.

„Eine kleine Geschichte der Hypnose in 7500 Zeichen“ – und die Gefahren

Thorsten Havener klärt nicht nur über die Entwicklung der Hypnose auf, sondern warnt ausdrücklich vor den Gefahren. Es ist bekannt, dass er sein Fachwissen nicht dem Militär oder staatlichen Organisationen zur Verfügung stellen möchte, sondern den Menschen – nur deshalb geht Havener derart ins Detail. Er entlarvt beispielsweise die Methoden zur Erstellung eines typischen Tageszeitungs-Horoskops, damit die Normalverbraucher und Nicht-Geschulten in diesem Bereich die Spreu vom Weizen trennen können. Es ist Thorsten Havener einfach wichtig, dass Menschen Psychospielchen nicht nur im privaten Bereich, sondern auch im sozialen Umfeld bis hin zum Verkaufsgespräch durchschauen, damit umgehen und sich gegebenenfalls davor schützen können.

„Soziale Bewährtheit oder ewig grüßt das Murmeltier“ heißt ein anderes Kapitel, es geht weiterhin um Wahrheit und Lügen oder die Magie der Worte.

Egal, mit welchem Buch man in Haveners Trilogie einsteigt: Die Leser werden in jedem Falle abgeholt, mitgerissen und nehmen schlussendlich eine Bereicherung für sich mit.

Thorsten Havener „Denk doch, was du willst“

Wunderlich/Rowohlt Verlag 2011, 256 S., Hardcover, Preis: 17,95 €, ISBN: 978-3-8052-5021-4

„Keine E-Mail für Dich“ von Franziska Kühne

Fast zögerlich werden die Leser auf das eingestellt, das ihrer in dem Buch harrt. „Warum wir trotz Facebook&Co. vereinsamen“ lautet der Untertitel auf dem Deckblatt des Buches. Direkt darunter ist grafisch ein Sofa dargestellt mit der Aufschrift „Aus dem Alltag einer Therapeutin“.

Den Einstieg bietet dann auch gleich das erste Kapitel über die vielen unterschiedlichen Kommunikationsmöglichkeiten, mit denen wir heutzutage Kontakt halten. Das Telefon ist längst nicht mehr nur Telefon, der Computer ermöglicht via Skype & Co. gleich noch den Rest. Und schon im ersten Absatz wird die Existenz sozialer Netzwerke oder von Online-Dating-Portalen mit der Frage verknüpft, inwiefern diese wirklich „sozial“ sind.

Schattenseiten und ihre Folgen

Jeder kann mit jedem auf allen Kanälen kommunizieren. Die Autorin erläutert in kurzen Zusammenhängen die Tücken dieser vermeintlichen Vereinfachung derart deutlich, dass so manche Lesende einen Aha-Effekt in ihrem tiefsten Inneren angesichts dessen erleben, was sie nur zu gut von sich selbst kennen. Das Zuhören bleibt zum Beispiel auf der Strecke, denn man kann sich parallel zueinander über Themen austauschen. Konflikten muss man sich nicht aussetzen, man geht einfach „off“. Mimik und Gestik fallen vollständig weg und können nur mit vorgegebenen Einheitszeichen symbolhaft und unzureichend dargestellt werden. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist schlichtweg die Zeit.

Oft übernimmt das Smartphone mit akustischen Signalen über die neusten Meldungen aus Twitter, Facebook und E-Mail-Account die Regie über persönliche Treffen. Ein zweifelhafter Vorteil ist weiterhin, das geplante Aktivitäten in der Realität schneller mal eben abgesagt und/oder verschoben werden können, weil ja jeder stets überall erreichbar ist.

Psychotherapie im Zeichen des Internets

Nicht erst seit Cybermobbing und -stalking benötigen die Menschen die Hilfestellung von Therapeuten im Umgang mit den neuen Medien. Der Wandel von sozialen Interaktionen hat sich derart drastisch weiter entwickelt, weil unter anderem die Schamgrenze durch die Anonymität im weltweiten Netz gesunken ist oder Reaktionen der Mitmenschen zeitlich verzögert erfolgen. Und dass die Selbstdarstellung immer eine andere ist als das, was andere Leute wahrnehmen, ist hinlänglich bekannt. So berichtet Franziska Kühne, die ihre psychotherapeutische Praxis in Berlin hat, über die Auswirkungen von Skype-Beziehungen (statt Fernbeziehungen), die Ermöglichung von permanenter Kontrolle und sogar Überwachung, den Verlust von körperlicher Nähe und ähnlichen Neuerscheinungen im Internet-Zeitalter auf die zwischenmenschlichen Kontakte.

Einzelfälle und Studien als Illustration

Bei der Lektüre kommt man schon ins Grübeln angesichts so mancher Überschriften wie zum Beispiel die des Kapitels „Hund-Napf, Mensch-Computer“. Hier wird gleich zu Beginn das Prinzip der Pawlowschen Hunde erklärt und auf den Umgang der Menschen mit ihren Computern übertragen. Auch anhand zahlreicher aktueller Studien veranschaulicht Franziska Kühne, die selbst in Facebook usw. präsent ist, wie wichtig die Selbstreflexion, das tiefe Auch-Mal-Durchatmen inmitten der Informations- und Kommunikationsflut ist. So berichtet sie über eine Klientin, die ihrem Freund eine SMS schickt, die er nicht beantwortet. Bis sie sich im Laufe des Tages so zerfleischt hat, dass sie ihm schließlich eine böse Schlußmach-SMS sendet, bevor er es tut. Ihr Freund meldet sich nachts völlig erschöpft bei ihr zurück mit der Bemerkung, dass sie doch von seinem Dienst am Messestand gewusst hätte.

Kopfkino kontra Realität

Eine andere Frau wollte bei einem männlichen Chatpartner durch eine zusätzliche SMS nicht den Eindruck erwecken, dass sie durch zu viel texten „etwas von ihm wolle“, wodurch der Kontakt schließlich komplett abbrach. Das Kino im eigenen Kopf ist wohl das beste Beispiel für die Auswirkungen auf jene Menschen, die nicht mehr in der Realität miteinander umgehen, sondern nur noch mittels Maschinen. Neben anderen psychischen Störungen könnten sich so Depressionen bald noch rasanter als Krankheitsbild Nummer Eins etablieren.

Kein Jugendlicher kommt heute mehr ohne Facebook aus, denn es ist zu einem wichtigen Teil der Sozialisierung geworden. Genau deshalb gilt die Generation, die mit dem Internet aufwächst, als diejenige, die davon den wirklichen Wert abschöpfen könnte. So die These der Gegenwart.

Kühne bietet gleichermaßen einen Ratgeber und informative Unterhaltung

Wer keine Angst davor hat, hier und da mal den Spiegel vorgehalten zu bekommen, oder wer sich selbst einschätzen, kontrollieren oder gar Auswege aus einer möglichen Internetsucht finden möchte, sollte das Buch von Franziska Kühne unbedingt lesen. Neben ganz alltäglichen Geschichten, Fällen aus ihrer Praxis, die teilweise unterhaltsam, so manches Mal allerdings auch erschütternd sind, regt „Keine E-Mail für dich“ tatsächlich zum Nachdenken oder Überdenken der eigenen Gepflogenheiten bezüglich der Nutzung der unterschiedlichen Kommunikationsmittel an.

Dieses Buch wäre durchaus als Pflichtlektüre geeignet – bestenfalls, noch bevor man sich in die soziale Interaktion via Internet begibt.

Tag & Nacht, 2012, 190 Seiten, Paperback, Preis: 14,99 €, ISBN: 978-3-442-83011-4