Diesel, Stickstoff und 6000 Tote -UNSTATISTIK VOM 28.03.2018

(PM)Die Unstatistik März 2018 sind die 6000 angeblichen Stickstofftoten im Jahr 2014 in Deutschland. Eine Studie, die im Auftrag des Umweltbundesamtes erstellt wurde, will herausgefunden haben, dass 5996 Bundesbürger an Herz-Kreislauf-Krankheiten vorzeitig verstorben seien, die sie sich durch NO2-Belastung zugezogen hätten. Die methodischen und konzeptionellen Mängel dieser Studie wurden schon an anderer Stelle kritisiert, unter anderem bei „Spiegel online“ und welt.de, sowie kabarettistisch aufgespießt bei „Nuhr im Ersten“ in der ARD (ab Sendeminute 24:40). Die Zahl 6000 ist das Produkt einer reinen Modellrechnung; es gibt zwar die Vermutung, aber keinen Nachweis, dass NOx zum Tod durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen führt. Kaum ein Arzt hat bisher die NOx-Belastung als Todesursache angegeben.

Die Stickstoff-Debatte läuft einseitig und mit Gedächtnisverlust: Früher haben wir uns um CO2 und das Ozonloch gesorgt und deswegen den Diesel gepriesen; heute sorgen wir uns um NOx und preisen das Elektroauto. Dabei übersehen wir, dass jede Technik Vor- und Nachteile hat, wie eine frühere Veröffentlichung des Umweltbundesamtes veranschaulicht. Ein Elektroauto mit 250 km Reichweite verursacht in Deutschland derzeit weit mehr Treibhausgasemissionen als ein Diesel, vor allem wegen der Strombereitstellung und des Energieaufwands für die Produktion (in Frankreich ist das wegen des Atomstroms anders, aber dieser ist in Deutschland mehrheitlich unerwünscht). Auch ohne Elektroautos schätzt das Umweltbundesamt, dass die NOx Emission der herkömmlichen Kraftfahrzeuge bis 2030 um 56 Prozent niedriger sein wird als im Jahr 2014 und die Feinstaub-Emission sogar um 82 Prozent niedriger – alleine durch die Verbreitung der Euro-6 Norm und Partikelfilter. Sollte es 2030 sechs Millionen Elektrofahrzeuge geben, wie im Nationalen Entwicklungsplan angestrebt, dann fällt dies vergleichsweise wenig ins Gewicht, mit einer zusätzlichen Abnahme von 12 und 4 Prozentpunkten bei NOx und Feinstaub.

Belastungen durch Feinstaub und NOx sind vergleichsweise gering

Am Ende ist es hilfreich, sich die Risiken vergleichend anzusehen. Die Feinstaub-Produktion von drei Zigaretten ist zehnmal so hoch wie jene, die am Auspuff eines alten Ford Mondeo Euro-3 Diesel eine halbe Stunde lang gemessen wurde. Ein Adventskranz mit vier brennenden Kerzen kann bereits die Grenzwerte für NOx überschreiten.

Weiterhin sei betont, dass die Zahl der durch ein Risiko gleich welcher Art verstorbenen Menschen selbst bei korrekter Berechnung nur ein sehr irreführender Indikator für die Gesundheitsgefahren ist, die von dieser Risikoquelle ausgehen. Denn diese Zahl kann selbst dann zunehmen, wenn die Gefahr selber abnimmt – ganz einfach dadurch, dass andere Risiken ausfallen. Mit diesem Argument hatten wir bereits die 13 Millionen Umwelttoten der Weltgesundheitsorganisation zur Unstatistik Dezember 2017 gekürt.

Die großen Killer heutzutage sind Rauchen, Alkohol, Bewegungsmangel und ungesundes Essen. Die von Umweltschützern immer wieder betonten Gefahren durch Feinstaub oder Pflanzengifte sind dagegen in Deutschland relativ klein. In dieser Debatte gibt es nur zwei Fakten, die von niemandem zu bestreiten sind: Die Belastung durch Umweltschadstoffe einschließlich Stickstoff nimmt in Deutschland seit Jahrzehnten ab und die Deutschen leben im Durchschnitt immer länger. Diese Erfolge sollten wir würdigen, statt uns durch Schreckensnachrichten und Panikmache verunsichern zu lassen.

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Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter www.unstatistik.de .

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Große Mehrheit glaubt an Ende der Sommerzeit

(PM) Streitpunkt Sommerzeit: In Deutschland glaubt eine große Mehrheit der Bevölkerung an die Abschaffung der Zeitumstellung. Nach einer repräsentativen Umfrage (Repräsentative Bevölkerungsumfrage zur Zeitumstellung durch Forsa, 7. und 8. März 2018, 1.005 Befragte bundesweit) der DAK-Gesundheit erwartet jeder Dritte ein baldiges Ende in den kommenden fünf Jahren. Der Widerstand gegen den regelmäßigen Wechsel zwischen Sommer- und Winterzeit bleibt mit 73 Prozent konstant hoch. Die wenigsten Probleme mit dem Dreh an der Uhr haben jüngere Menschen unter 30 Jahren. Am kommenden Sonntag werden nachts die Uhren von zwei auf drei Uhr vorgestellt. Ab dann gilt in allen Ländern Europas wieder die Sommerzeit. Auch das Europäische Parlament diskutiert die Abschaffung der Zeitumstellung und untersucht mögliche Gesundheitsprobleme.

Einschlaf-, Schlaf- und Konzentrationsprobleme

Laut DAK-Studie erwarten 31 Prozent der Befragten ein Ende der Sommerzeit innerhalb der kommenden fünf Jahre. Knapp jeder Fünfte hält einen Zeitraum von zehn Jahren für realistisch. Insgesamt gab rund ein Viertel der Befragten an, schon einmal Probleme im Zuge der Zeitumstellung gehabt zu haben. Demnach leiden die meisten Menschen an Einschlafproblemen und Schlafstörungen – 63 Prozent der Frauen und 53 Prozent der Männer. Knapp ein Drittel konnte sich nach eigenen Angaben schlechter konzentrieren, 26 Prozent fühlten sich gar gereizt. Jeder Fünfte ist nach der Zeitumstellung schon einmal zu spät zur Arbeit gekommen. Am häufigsten gaben die Befragen an, sich müde oder schlapp gefühlt zu haben: Depressive Verstimmungen kamen bei zehn Prozent der Befragten vor. Menschen mittleren Alters gaben dabei weit häufiger an, in Folge der Zeitumstellung Probleme gehabt zu haben. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung bleibt die Häufigkeit der Beschwerden im Vergleich zu den Vorjahren ähnlich.

Innere Uhr des Menschen wird gestört

DAK-Ärztin Dr. Susanne Bleich erklärt: „Der Körper lebt nach seiner eigenen Uhr – und die stellt sich eben nicht von einem Tag auf den anderen um. Wer Beschwerden hat, der darf also nicht gleich verzweifeln, sondern braucht einfach ein wenig Geduld. Entspannung und frische Luft können darüber hinaus auch helfen, um mit der Umstellung besser klar zu kommen.“ Mit 73 Prozent gab die große Mehrheit der Befragten indes an, keinerlei gesundheitliche Probleme mit der Zeitumstellung zu haben. Diese Zahl ist im Vergleich zu den Vorjahren ebenso nahezu konstant geblieben.
In der Bundesrepublik Deutschland wurde die Sommerzeit im Jahr 1980 als Reaktion auf die Ölkrise zwei Jahre zuvor eingeführt. Ziel dieser Maßnahme war es, Energie zu sparen. Da auch die DDR zur damaligen Zeit plante, die Uhren vorzustellen, musste Bonn nachziehen, um das Land und Berlin nicht auch noch zeitlich zu teilen. Seit 1996 gilt die Sommerzeit EU-weit und beginnt jeweils am letzten Sonntag im März. Am letzten Sonntag im Oktober werden die Uhren dann in allen Staaten der EU wieder auf die Winterzeit – also die Normalzeit – zurück gedreht.

(Quelle: DAK Gesundheit)

Unstatistik des Monats: 54 Prozent der Deutschen haben eingeschränkte Gesundheitskompetenz

(P) 26.02.2018. Die Unstatistik des Monats Februar ist eine der zentralen Aussagen des Nationalen Aktionsplans Gesundheitskompetenz, der am 19. Februar dem Bundesminister für Gesundheit vorgestellt wurde. Demnach haben 54 Prozent der Bevölkerung in Deutschland eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz. Das hat der „Health-Literacy Survey auf europäischer Ebene“ herausgefunden.

Subjektive Einschätzungen

Das klingt, als ob diese Studie sich die Mühe gemacht hat zu testen, wie kompetent die Deutschen tatsächlich sind. Aber: Niemand wurde getestet. Vielmehr wurden 47 Fragen zu verschiedenen Kompetenzen gestellt und die Probanden schlicht gebeten, selbst subjektiv zu beurteilen wie hoch ihre Kompetenz wäre. Ein Beispiel: „Wie einfach/schwierig ist es, die Packungsbeilagen/Beipackzettel Ihrer Medikamente zu verstehen?“ Das fanden 41 Prozent der Befragten ziemlich einfach und 22 Prozent sehr einfach. Wir wissen aber von wirklichen Tests, dass Beipackzettel selbst von Ärzten nicht verstanden werden. Jedem, der nicht weiß, was er nicht weiß und fälschlicherweise angibt, Beipackzettel leicht zu verstehen, wurde hier hohe Gesundheitskompetenz zugeschrieben.

Dann wurde gefragt, wie schwierig es ist zu verstehen, warum man Vorsorgeuntersuchungen braucht. Das finden 80 Prozent ziemlich einfach oder sehr einfach. Die Frage unterstellt, dass Vorsorge (Früherkennung) unbestritten mehr nützlich als schädlich sei, was für jeden, der sich mit deren Vor- und Nachteilen wissenschaftlich auseinandergesetzt hat, höchst fragwürdig ist. Eine im „Journal of the National Cancer Institute“ veröffentlichte repräsentative Studie hat das wirkliche Wissen der Deutschen getestet und zeigte dagegen, dass 98 Prozent der Frauen den Nutzen der Früherkennung von Brustkrebs und 94 Prozent der Männer jenen der Früherkennung von Prostatakrebs weit überschätzen. Diese erstaunliche hohe Fehleinschätzung liegt wahrscheinlich an der jahrzehntelang üblichen irreführenden Information, welche den Nutzen übertrieben und den Schaden heruntergespielt hat. Wenn man aber nicht weiß, dass man falsch informiert worden ist, wird man im Health-Literacy Survey als gesundheitskompetent eingestuft.

Statt tatsächlicher wird die gefühlte Gesundheitskompetenz ermittelt

Die Zahl 54 Prozent bezieht sich also nicht auf den Anteil der Deutschen, welche eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz haben, sondern auf den Anteil, welche das glauben. Die Vorsitzende des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin kritisierte die Studie bereits im „Ärzteblatt“. Verteidigt wurde die Studie mit dem Argument, dass in anderen europäischen Ländern die gleiche subjektive Befragung durchgeführt worden sei. Wenn aber andere den Unterschied zwischen gefühlter und tatsächlicher Kompetenz nicht kennen, dann müssen wir diesen Fehler nicht auch noch nachmachen.

Mangelnde Gesundheitskompetenz ist ein wirkliches gesellschaftliches Problem und es ist an der Zeit, mehr dagegen zu unternehmen. Dazu könnte der Nationale Aktionsplan beitragen. Es fällt nicht leicht, uns zu einem Thema kritisch zu äußern, das uns selbst am Herzen liegt. Die Kritik betrifft alleine die vorgestellte Studie. Nach deren Logik bräuchte man keine aufwendigen PISA Studien mehr durchzuführen, sondern könnte einfach die Schüler fragen, was sie denn meinen, wie gut sie in Mathematik und Deutsch sind.

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Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter www.unstatistik.de .

Beeinflussen Emoticons die Wahrnehmung von kritischen E-Mails?

(PM) Frankfurt am Main, 30. Januar 2018. E-Mails ersetzen mittlerweile einen großen Teil der direkten Kommunikation unter Arbeitskolleginnen und -kollegen. Non-verbale Ausdrücke über Gestik und Mimik sind hier jedoch nicht möglich. Um dieses Problem zu überwinden, werden Emoticons genutzt: Zeichenfolgen, die menschliche Emotionen wie Freude, Kummer oder Ironie symbolisieren sollen – :-), 😦 oder ;-). Doch welche verschiedenen Formen von Emoticons wirken sich auf das Verständnis der unterschiedlichen Ebenen von computergestützten Nachrichten aus? Die Studie „The Effects of Different Emoticons on the Perception of Emails in the Workplace“ untersucht, wie unterschiedliche Emoticons in E-Mails im beruflichen Kontext wahrgenommen werden. Es zeigt sich, dass positive Emoticons in E-Mails mit kritischem Inhalt negative Assoziationen auf der persönlichen Ebene abschwächen können, ohne den Inhalt und die letztliche Intention der Nachricht zu verändern. Die Studie wurde von Prof. Dr. Claus-Peter H. Ernst, Professor für Wirtschaftsinformatik und BWL der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS), und Martin Huschens, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik und BWL der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, durchgeführt.

Aufbau der Studie / Studiendesign

231 Teilnehmende versetzten sich bei der Studie in die Situation einer Praktikantin oder eines Praktikanten, die/der eine kritisierende E-Mail ihres/seines Vorgesetzten erhält. Drei Viertel der Teilnehmenden erhielt eine Nachricht mit jeweils einem Emoticon – :-), 😦 oder 😉 –, die anderen erhielten den Text ohne ein solches Symbol. Anhand dieses Verfahrens wurden die persönliche Wahrnehmung und das inhaltliche Verständnis der Teilnehmenden ermittelt. „Glückliche und ironische Emoticons schwächen die negativen Assoziationen einer Nachricht auf den persönlichen Ebenen ab.

So verändern sie zum einen die Wahrnehmung auf der Ebene der Selbstoffenbarung, also die Interpretation der Empfängerin oder des Empfängers bezüglich dessen, was die Absenderin oder der Absender in der E-Mail über sich selbst preisgibt, wie beispielsweise ihre oder seine gegenwärtigen Emotionen. Zum anderen findet auch eine Wahrnehmungsveränderung auf der Beziehungsebene statt, das heißt, auch die wahrgenommene Einstellung des Gegenübers zu einem selbst wird verändert. Gleichzeitig haben positive oder ironische Emoticons jedoch keine Auswirkung auf den eigentlichen Nachrichteninhalt und den Appell der Nachricht. Sie verhindern also nicht das Ziel der Kritik in beruflichen E-Mails, nämlich die Verbesserung der Arbeitsleistung“, erklärt Ernst.

Studienergebnisse

„Zusammenfassend zeigen unsere Ergebnisse, dass positive oder ironische Emoticons in einer kritischen E-Mail im beruflichen Kontext dafür sorgen, dass die Empfängerinnen und Empfänger die geäußerte Kritik weniger persönlich nehmen. Gleichzeitig geht der Appell hinsichtlich der geforderten Verbesserung der Arbeitsleistung nicht verloren. Entgegen der weitläufigen Meinung, dass Emoticons in geschäftlichen E-Mails eher unprofessionell wirken, scheint im besonderen Kontext von kritischen E-Mails tatsächlich das Gegenteil der Fall zu sein: Positive und ironische Emoticons sorgen für eine professionellere Kommunikation, da geäußerte Kritik weniger persönlich aufgefasst wird“, so Ernst.

Negative Emoticons seien laut der Studie dagegen kein effektiver Weg, um das Verständnis einer kritisierenden Nachricht an die Empfängerin oder den Empfänger zu beeinflussen. „Traurige Emoticons spielen in kritischen E-Mails im beruflichen Kontext auf keiner Kommunikationsebene eine Rolle. Dies lässt sich dadurch erklären, dass E-Mails mit enthaltener Kritik für sich genommen bereits schlimm genug für die E-Mail-Empfangenden sind. Die eigentliche Aussage wird durch das traurige Emoticon nicht weiter verstärkt“, erklärt Ernst.

Schlussfolgerungen

Die Untersuchung basiert auf dem Vier-Ohren-Modell von Friedemann Schulz von Thun (Sachebene, Beziehungsebene, Selbstoffenbarung, Appell) und ergänzt weitere wissenschaftliche Publikationen zu diesem Thema. Während vorherige Arbeiten wie zum Beispiel die Studie „Functions of the Nonverbal in CMC: Emoticons and Illocutionary Force“ (2010) von Eli Dresner und Susan C. Herring bereits zeigen, dass Emoticons die generelle Interpretation einer Nachricht formen können, ist die aktuelle Studie von Ernst und Huschens die erste Studie, welche den Einfluss von Emoticons auf die einzelnen Kommunikationsebenen untersucht.

Bei den 231 Studienteilnehmenden wurde das wissenschaftliche Verfahren der Vignettenstudie angewandt. Die Teilnehmenden erhalten dabei in der Regel die Aufgabe, sich in eine bestimmte Personengruppe und/oder in realitätsnahe Szenarien hinein zu versetzen, bei welchen einzelne Attribute variiert werden können.

Am 06. Januar 2018 wurde die Studie auf der Hawaii International Conference on System Sciences (HICSS), einer der international einflussreichsten wissenschaftlichen Konferenzen im Bereich der Wirtschaftsinformatik, präsentiert.

Prof. Dr. Claus-Peter H. Ernst ist Professor für Wirtschaftsinformatik und BWL an der Frankfurt University of Applied Sciences und vertritt dort insbesondere den Bereich E-Business. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören u. a. Technologie- und Mediennutzung sowie die digitale Transformation. Er ist Autor von über 30 wissenschaftlichen Schriften und regelmäßig als Referent auf internationalen Fachkonferenzen, in Hochschulen und in der Praxis tätig.

Quelle: Frankfurt University of Applied Sciences
Fachbereich 3: Wirtschaft und Recht

Ernst, Claus-Peter H./Huschens, Martin (2018): The Effects of Different Emoticons on the Perception of Emails in the Workplace, HICSS 2018 Proceedings.

Pendelstress beginnt bereits im Schulalter

(PM) Frankfurt am Main, 11. Januar 2018: Für viele Menschen beginnt der tägliche Stress schon lange bevor sie am Arbeitsplatz sind: Staus auf den Straßen, Verspätungen der öffentlichen Verkehrsmittel sowie volle Busse und Bahnen kosten vielen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern allmorgendlich Nerven. Arbeiteten laut einer Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Jahr 2000 noch 53 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Beschäftigen nicht in der Stadt oder Gemeinde, in der sie lebten, so sind es mittlerweile 60 Prozent. Zahlreiche Studien belegen gleichzeitig, dass mit steigender Pendelstrecke das subjektive Stressempfinden zunimmt, während die subjektive Gesundheit und auch die Lebenszufriedenheit darunter leiden.

FZDW befragte Jugendliche

Doch gilt dies auch bereits für Jugendliche? Im Rahmen der Längsschnittstudie Gesundheitsverhalten und Unfallgeschehen im Schulalter (GUS), gefördert von der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV), befragt das Forschungszentrum Demografischer Wandel (FZDW) der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS) jährlich rund 10.000 Schülerinnen und Schüler an circa 150 weiterführenden Schulen in 14 Bundesländern. In der dritten Befragungsrunde im Schuljahr 2016/17 wurden die Schülerinnen und Schüler der 7. Jahrgangsstufe ausführlich nach ihrem Schulweg befragt und gebeten, anzugeben, welche Verkehrsmittel sie am Morgen der Befragung genutzt haben, um zur Schule zu kommen. Zudem wurden sie gefragt, wie lange sie mit diesen Verkehrsmitteln unterwegs gewesen sind.

Durchschnittlicher Schulweg dauert 27 Minuten

Summiert man die Fahrtzeiten der verschiedenen Verkehrsmittel, welche die Schülerinnen und Schüler genutzt haben, inklusive der Dauer des Fußwegs, so brauchten die Jugendlichen im Schnitt 27 Minuten, um am Morgen der Befragung von ihrem Elternhaus zur Schule zu kommen. Die meisten Jugendlichen, nämlich 30,0 Prozent, benötigen zwischen 10 und 20 Minuten für ihren Schulweg. 14,4 Prozent der Jugendlichen sind in weniger als zehn Minuten in der Schule. Mit 14,9 Prozent liegt jedoch der Anteil an Schülerinnen und Schülern, die am Morgen des Befragungstages 45 Minuten oder länger unterwegs gewesen sind, auf einem ähnlichen Niveau. „Interessant ist nun, dass Jugendliche, die einen langen Schulweg zurücklegen müssen, signifikant häufiger über mentale Gesundheitsprobleme klagen“, betont Prof. Dr. Andreas Klocke, Leiter des FZDW. Während 22,9 Prozent der Jugendlichen, die weniger als zehn Minuten zur Schule benötigen, an mehr als an einem Tag in der Woche von Konzentrationsproblemen berichten, liegt der entsprechende Wert für Jugendliche mit einem Schulweg von 45 Minuten oder länger mit 29,3 Prozent deutlich höher. Jugendliche mit langem Schulweg sind zugleich mit 43,1 Prozent an mehr als an einem Tag in der Woche gereizt, Jugendliche mit einem kurzen Schulweg dagegen zu 35,9 Prozent. Zudem sind Jugendliche, die einen kürzeren Schulweg zurücklegen müssen, im Schnitt auch zufriedener mit ihrer Gesundheit. Während sie zu 82,7 Prozent ihren Gesundheitszustand als sehr gut oder gut einschätzen, liegt der entsprechende Wert für Jugendliche, die 45 Minuten oder länger zur Schule brauchen, bei 77,0 Prozent.

Schulschließungen contra Gesundheit?

Die Forscherinnen und Forscher des FZDW plädieren folglich dafür, bei Debatten über anstehende Schulschließungen auch das Wohlbefinden der Kinder und Jugendlichen zu berücksichtigen. „Das Thema Pendeln wird häufig allein auf die Gruppe der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bezogen“, so Dr. Sven Stadtmüller, wissenschaftlicher Mitarbeiter am FZDW. „Wir sollten aber bedenken, dass auch Schülerinnen und Schüler zum Teil sehr weite Wege zur Schule zurücklegen müssen. Dieser Anteil nimmt stetig zu, da immer mehr Schulen schließen und hierdurch die Schulwege für Kinder und Jugendliche weiter werden.“ Wie enorm das Ausmaß an Schulschließungen in Deutschland sei, signalisiere eine Zahl des Statistischen Bundesamts: Demnach hat die Zahl der allgemeinbildenden, weiterführenden Schulen in Deutschland seit Anfang der 1990er-Jahre von rund 15.500 auf knapp 12.000 abgenommen. Dies entspricht einem Rückgang von 24 Prozent.

Quelle: Frankfurt University of Applied Sciences, Forschungszentrum Demografischer Wandel (FZDW), 2018

Psychohygiene, Teil I

Sicherlich kann der gesunde Menschenverstand recht schnell mit dem Wort Psychohygiene einiges assoziieren. Mit diesen gedanklichen Verbindungen liegen die meisten Leute auch völlig richtig: Gedanken einfach richtig ablegen, ihnen nachhängen und manche beiseite legen – das Gehirn aufräumen, reinigen und so weiter. Das Gebiet der Psychohygiene ist sehr weit gefächert, deshalb hier nur ein erster Einstieg zur Selbstbeobachtung oder auch einfach nur zur Kenntnis – wie auch immer.

Grundlegende Psychohygiene

Ein gemütliches Beisammensein mit Freunden, Probleme ansprechen und diskutieren, aber einfach auch mal über den nervigen Alltag herummeckern und sich gründlich selbst bedauern – das sind einige der wichtigsten Bausteine der Psychohygiene. Keiner mag die „Hobby-Opfer“ oder diejenigen, die sich permanent in ihrer Selbstherrlichkeit darstellen. Das ist der Tatsache geschuldet, dass alles, was man übertreibt, sowieso immer in das Gegenteil umschlägt oder krasser formuliert: Alles, was übertrieben wird, birgt (Krankheits-)Gefahren in sich. Soll heißen: Sich selbst mal einfach mal loben für eine gute Leistung oder sich in eine Ecke verziehen und alle anderen Menschen im sozialen Umfeld einfach nur doof finden, sind nicht nur völlig normale Verhaltensweisen – im Gegenteil, wer so etwas ab und zu mal zelebriert, reagiert sich optimal ab und erhält sich dabei durchaus gesund. Der eine latscht parallel dazu ..zig Stunden durch den Wald, die nächste joggt, wiederum andere lesen ein Buch oder starren einfach nur in die Luft und freuen sich. So banal und erfüllend kann Glück sein.

Übertreibung und Authentizität

Wie oben schon geschrieben: Vorsicht vor Übertreibung. Sehr gut kann man das illustrieren an dem Zuviel in unserer Industriegesellschaft. Zu jeder Zeit ist alles verfügbar, sofern das nötige Kleingeld da ist. Umso größer ist kurioserweise die Freude, wenn die Erdbeerzeit anbricht oder endlich wieder Spargelsaison ist, um nur zwei Beispiele zu nennen. Ähnlich verhält es sich mit Menschen, die ständig einfach nur gut drauf sind. Ein paar Mal ist das toll, man läßt sich gern anstecken und genießt den Strudel guter Stimmung, in den man mit hineingerissen wird. Alles positiv, alles schick, alles toll – da geht auch dem passivsten Menschen irgendwann die Hutschnur hoch. Weil: Das ist nicht das Leben. Es gibt immer Hoch´s und Tief´s und Hell und Dunkel…usw. Dafür gibt es viele Metaphern von „Himmel und Hölle“ bis „Ying und Yang“. Tatsache bleibt: Wer durchweg nur mit traurigem Gesicht und leidend durch die Pampa latscht, nervt uns irgendwann eben so wie diejenigen, die ständig guter Laune sind. Da fehlt schlicht und ergreifend die Authentizität, um nicht zu sagen: die Normalität, die Ausgewogenheit.

Bauchgefühl und Heilsversprechen

Aus oben genannten Gründen sollte man durchaus kritisch – nicht pessimistisch – durch die Welt laufen und sich vor denen schützen, die versprechen, dass sie alle Probleme lösen und das auch ganz schnell. Da ist sie nämlich wieder – die Übertreibung. Der Glaube, woran auch immer, mag eine gute Stütze für manche Menschen sein. Doch letztendlich bewahrt einen immer nur der gesunde Menschenverstand vor falschen Entscheidungen oder Situationen… und selbstverständlich auch vor Menschen, die einem nicht guttun oder sogar schaden. Das Bauchgefühl ist die erste Entscheidungsstütze, die zweite der gesunde Menschenverstand. Das Verdienst der Wissenschaft besteht auch für Normalo´s in der Neigung, Dinge zu überdenken. Der einfachste Weg anhand des Beispiel bei einer größeren Geldausgabe: Das, was der Verkäufer mir gesagt hat, in Ruhe daheim überprüfen (oder in neudeutsch: googeln), mit engen Vertrauten besprechen und dabei durchaus auch die eigenen Standpunkte noch mal sehr kritisch in Frage zu stellen. Und immer daran denken: Verkäufer sind nicht nur in Läden oder vor der Wohnungstür und am Telefon zu finden, die Seelenverkäufer sind definitiv die schlimmere Variante!

Denken und Bewegung

Sehr wichtige Grundlage für die Psychohygiene -wie für alles andere- ist die Bewegung. Auch das Gehirn ist einfach nur ein Körperteil, das durchblutet wird und in dem haufenweise Prozesse passieren, die uns das Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten… und noch ..zig andere Vorgänge ermöglichen. Ob nun Joggen oder Spazierengehen: Wohl jede/r von uns kennt den Zustand bei entsprechend langer oder intensiver körperlicher Aktivität, in dem man nicht mehr denkt, sondern einfach nur da ist. Wie bei allen körperlichen Vorgängen sollte man genauer hinschauen und sich rechtzeitig von Überforderung schützen. Nachteil beim Gehirn: Man hat beispielsweise keinen Muskelkater, der einen deutlich spürbaren „Warnschuss“ vorab sendet. Hier kann nur jede/r für sich entscheiden, wann eine Pause angesagt ist und man sich einfach mal rausnimmt aus seinem sozialen Umfeld (inklusive Facebook & Co!!!).

…Fortsetzung folgt…

Warum „SheForHe“ Frauen mehr helfen könnte als „HeForShe“

Gastbeitrag von Tsima Bolik

Kennen Sie den schon?

Nach der Arbeit fährt eine Reinigungskraft ihre Kinder holen und geht kurz einkaufen. Zu Hause sieht sie eine völlig unbekannte Frau im Höschen im Schlafzimmer. Doch anstatt empört zu reagieren, sagt sie „Hallo Schatz, wie war Dein Tag“ und erklärt entschuldigend, warum sie so früh nach Hause kommt. Was ist die plausibelste Erklärung für diese Reaktion?


„HeForShe“ heißt eine Solidaritätskampagne, die sich für Gleichstellung von Frauen und Männern engagiert. Doch warum kommt diese so schleppend voran? Wenn man beispielsweise die geringen Frauenquoten in technischen Studiengängen (z.B. 7% in Mechatronik) betrachtet, dann könnte man meinen, die Emanzipation kämpfe gegen Windmühlen. Sind diese zu stark? Oder könnte es auch sein, dass bestimmte Windmühlen zu wenig beachtet werden?
Vieles spricht dafür, dass es dem Feminismus paradoxerweise dienlicher wäre, weniger über moderne Frauen und mehr über moderne Männer nachzudenken:

 

Eine einfache Erklärung – pinke und blaue Sitze

Stellen wir uns einen Saal vor, in dem 50 Frauen auf pinken Stühlen Platz nehmen, und 50 Männer auf blauen Stühlen. Bis irgendwann einige Frauen zu der Ansicht geraten: „Pinke Stühle sind ja ganz nett – aber ein blauer wäre mir lieber.“ Die Männer hingegen bleiben bei der Ansicht: „Ein pinker Stuhl? Ich? Auf keinen Fall!“. Was wäre in diesem Szenario diejenige Aufteilung, die möglichst wenig Menschen unglücklich machen würde?
Es wäre genau die gleiche Aufteilung wie bisher. Frauen auf pink, Männer auf blau. Denn bei jedem Tausch würde zwar eine Frau ein bisschen glücklicher, aber dafür ein Mann wesentlich unglücklicher. Stillstand ist
die reibungsärmere Variante.
Nun stehen bei diesem Gleichnis pinke Stühle für Hausarbeit, Kinderbetreuung, Geringverdienst und weniger berufliche Selbstverwirklichung, während auf blauen Stühlen die Ernährenden mit Vollzeitjob und Überstunden sitzen. Ignorieren wir für einen Moment, dass es (zum Glück) auch blau-pinke Mischformen gibt, lässt sich das  Verteilungsproblem übertragen: Solange den meisten Männern die pinken Stühle unattraktiv erscheinen, wird es bestenfalls Frauen geben, die sich einen blauen Stuhl erkämpfen. Wer aber statt Geschlechterkampf ein harmonisches Miteinander wünscht, der braucht für eine reibungsfreie, gerechtere Verteilung mehr Männer, die auf pinken Stühlen sitzen wollen.
Doch warum gibt es so wenige, und wie lässt sich das ändern?

 

Die Männer sind schuld!

Öfter als wir es uns eingestehen wollen, nehmen wir traditionelle Rollenbilder als selbstverständlich an – und sind im Umkehrschluss nicht bereit für neue Wege. Beispielsweise ist die Anzahl der Männer, die sich zur Betreuung eines kranken Kindes beurlauben lassen, immer noch deutlich niedriger als die der Frauen – da guckt der Chef ja auch nicht so komisch.

Ein Beispiel hierfür erfuhr ich selbst, als ich bei meinem Diplombetreuer um mehr Zeit bat. Der Grund war, dass meine Partnerin Studium und Job gleichzeitig schultern musste, und unser Sohn Aufsicht brauchte. Ich erntete einen mitleidigen Blick, und drei Minuten später den Ratschlag „Machen Sie Ihrer Frau klar, dass Sie in den nächsten fünf Wochen nicht zur Verfügung stehen“. Und obwohl mein Betreuer eigentlich eine nette Person war, hatte dieser Satz beide Geschlechter gleichzeitig arrogant vor den Kopf gestoßen – die Frau, die sich gefälligst ums Kind zu kümmern hat, und den Mann, der das mit der Kinderaufsicht ja wohl hoffentlich nicht ernst gemeint hat.
Falls wir Männer doch mal in eine weiblichere Rolle geraten, ist das ein Auswärtsspiel, wo uns mangelndes Selbstbewusstsein hemmt. Wie schnell dieses von 100 auf 0 in den Keller rutschen kann, musste ein Kollege von mir erfahren, der seiner Dozentin angetrunken zu verstehen gab, dass man bei den Teamsitzungen ihr unter den Rock schauen konnte, wenn sie auf dem Barhocker saß – dass ihm der Anblick aber gut gefiel. Seine Selbstsicherheit wurde dann mit einer Ohrfeige auf den Boden geholt, und per Mail bestätigte die Dozentin nochmal, die Ohrfeige sei berechtigt gewesen. Sie wurde nicht weiter verfolgt – aber was wäre umgekehrt gewesen, hätte eine Studentin einem Professor anzügliche Komplimente gemacht, dieser hätte sie geohrfeigt und dann auch noch per Mail seine Handlung als richtig bezeichnet? Er hätte genauso gut seine Kündigung mailen können. Kaum eine Studentin würde das durchgehen lassen, zumal mit Beweismittel. Aber wo gibt es einen Männerbeauftragten, der den Geohrfeigten unterstützt? Zumindest nicht an der TU Berlin.
Beide Beispiele zeigen, dass wir Männer Schwierigkeiten haben, vermeintlich schwächere Rollen einzunehmen, womit wir bei einem dritten Problem wären: Männliche Rollen sind bequemer. Am Ende des Tages rudern wir dann doch lieber nicht gegen den Strom subtiler Hindernisse und tendieren öfter zu klassischen beruflichen und sozialen Verhältnissen. Die Ausnahmen bestätigen hier die Regel, machen aber noch keine Quote.
Die Bequemlichkeit herkömmlicher Konstellationen ist wiederum ein Hindernis in der Partnerfindung für beruflich erfolgreiche Frauen – denn jene Männer, die zum einen ihren Ansprüchen gerecht werden, und zum anderen selbstbewusst genug sind, der Geringverdiener in der Partnerschaft zu sein, sind noch rar.

 

Die Frauen sind schuld!

Natürlich sind es nicht nur Männer, die ihrer eigenen Modernisierung im Weg stehen – auch viele Frauen, ironischerweise oft die emanzipiertesten. Denn das Belächeln von Hausfrauentätigkeiten, welche in den Augen mancher Vorstandschefin die geringere Leistung oder Selbstverwirklichung bedeuten, geht nach hinten los. Dabei ist diese Haltung verhandlungsstrategisch ein grober Patzer: Wer einen pinken gegen einen blauen Stuhl tauschen will, ist ziemlich schlecht beraten, über pinke Stühle zu lästern. Das Gegenteil könnte vielleicht Wunder wirken, aber wie oft findet man die selbstbewusste Hausfrau, die ihr Leben zwischen Kindern und Küche genauso spannend darstellt wie ihr Gatte, der im Betrieb sechsstellige Summen unter Hochdruck verwaltet? Es wäre jedenfalls falsch, eine solche Dame als Bremse feministischer Ziele zu diffamieren. Denn Werbung für pinke Stühle gibt es viel zu wenig. Und wenn von beiden Geschlechtern die blauen Sitze als attraktiver wahrgenommen werden, dann gibt es nur noch zwei Alternativen: Geschlechterkampf und/oder Stillstand.
Falls sich dann doch mal ein Mann findet, der sich in traditionell weiblichen Disziplinen versucht, trifft ihn oft fehlendes Zutrauen: viele Frauen sind beispielsweise überzeugt davon, in punkto Intuition und Multitasking ihrem Partner überlegen zu sein. Was wichtige Voraussetzungen für Mutter-Tätigkeiten sind.
Interessanterweise konnte aber die Psychologie bis heute nicht belegen, dass Männern hier irgendeine Minderbegabung angeboren wäre; Intuition und Multitaskingfähigkeit sind je nach Situation anders ausgeprägt, und schlicht eine Frage des Trainings. Die falsche Überzeugung, dass auf diesen Gebieten Frauen unweigerlich überlegen wären, ist aber bei beiden Geschlechtern verbreitet.
Das größte Emanzipationshemmnis produzieren Frauen möglicherweise durch ihr Partnerwahlverhalten. Ein Journalist erlaubte sich den Spaß, mit haargenau dem gleichen Profil bei einer Partneragentur zweimal auf Partnersuche zu gehen, wobei er nur ein kleines Detail änderte: das erste Mal war er vorgeblich Erzieher, das zweite Mal Pilot. Letzterer bekam deutlich mehr Zuschriften. Brisant war vor allem, dass von den Frauen mit akademischer Ausbildung und Kinderwunsch keine einzige dem Erzieher geschrieben hatte, aber Dutzende dem Piloten. Und diesen Damen hätte ich wirklich gerne die provokante Frage gestellt: „Sacht mal, meint ihr das mit der Vereinbarkeit von Kind und Beruf eigentlich ernst?“ Wenn ja, dann gibt es doch kaum etwas besseres als einen Erzieher als Vater! Er ist vom Fach, vor Ort, und vielleicht eher noch zu einer Elternzeit zu bewegen als ein Manager. Und garantiert eher als ein Pilot, der sicher nicht das kranke Kind spontan von der Kita abholt, wenn sein Flieger in Rio gelandet ist. Auf den Punkt gebracht: Solange sogar Frauen, die Kinder wollen und eigentlich selbst genug verdienen könnten, viel lieber Piloten als Erzieher zum Parnter hätten, werden die Männer pinke Stühle nur unfreiwillig besetzen. Oder gar nicht.

 

Wir alle machen den Wind

Es wäre natürlich bequem, die Forderung nach Änderung allein den Institutionen zu überlassen: Die sollen doch bitte Männerbeauftragte einführen, Schwangerschaftskurse für Männer, das Thema in die Medien bringen usw. Der Bund gibt Millionen aus, um Frauen blaue Stühle schmackhaft zu machen – die Umkehrung könnte wirkungsvoller sein.

Es ist aber nicht nur Aufgabe des Staates, wenn moderne Frauen und Männer gegen Windmühlen kämpfen. Deren Wind ist keine Naturgewalt, sondern die Summe der vielen kleinen Meinungen und Entscheidungen im Alltag. Hier sind zwei Gruppen gefordert: Frauen und Männer.
Ein Stück weit müssen wir uns alle eingestehen, dass in unseren Gehirnwindungen alte Denkmuster stecken, die wir nicht von heute auf morgen abschütteln werden. Wer aber eine Welt möchte, in der der Kopf und nicht das letzte Chromosom über den Beruf entscheidet, sollte sich nicht nur für Frauen in Technikberufen, sondern auch für Männer auf dem Spielplatz stark machen. Und dies unterstützt man, indem man zum Beispiel
• interessierte Fragen stellt, wenn jemand von seiner Phase als Hausmann erzählt
• sich selbst hinterfragt, ob man typisch weibliche Lebensmuster gleichermaßen schätzt und spannend findet
Wer derlei Mindsets verinnerlicht, sollte auch die Lösung unserer Eingangs-Scherzfrage finden: Die Reinigungskraft ist ein Mann, die Unbekannte ist eine Freundin der Frau, und wollte sich eine Hose leihen.