Denkzeit-Gesellschaft: Strategien gegen radikale Ideologien

Innovative pädagogische Strategien gegen radikale Ideologien

 Ein bisher einzigartiges Programm nimmt die Innenwelt radikalisierter junger Menschen in den Fokus. Ob rechts, links oder religiös motiviert: In 40 Einzelsitzungen werden junge radikalisierte Menschen von speziell geschulten Pädagogen und Pädagoginnen angeregt, sich mit innerpsychischen Besonderheiten auseinanderzusetzen, die häufig dazu beitragen, dass sie sich extremistischen Gruppierungen anschließen. Durch eine Nachreifung verschiedener psychosozialer Fähigkeiten werden radikalisierte Jugendliche und Heranwachsende in die Lage versetzt, sich von diesen Gruppen distanzieren zu können.

Ein neuartiger Blickwechsel bereichert

Mit einem neuartigen Ansatz bereichert Blickwechsel die Berliner Maßnahmenlandschaft im Bereich Deradikalisierung. Bisher wurde mit jungen radikalisierten Menschen überwiegend an ihren religiösen oder ideologischen Einstellungen gearbeitet – ein wichtiger Aspekt, der in einigen Fällen jedoch zu kurz greift; Radikalisierung geht oft mit bestimmten innerpsychischen Phänomen einher, die den Anschluss an solche Gruppen begünstigen.

Gut oder böse

Manche Menschen halten beispielsweise Uneindeutigkeit nicht gut aus und spalten deshalb die Welt in „gut“ und „böse“, „richtig“ und „falsch“, „die da oben“ und „wir hier unten“ usw., um die Welt für sich übersichtlicher und damit besser aushaltbar zu machen. Radikale Gruppen bedienen sich grundsätzlich solcher Spaltungen. Schließt man sich ihnen an, ist man nicht nur selbstverständlich auf der „richtigen“ Seite, sondern bekommt auch entlastend einfache Erklärungsmuster angeboten. Auch Personen, die ein geringes Selbstwertgefühl haben, fühlen sich häufig von radikalen Gruppierungen angezogen. Hier erfahren sie die Zugehörigkeit, Verbundenheit und Aufwertung, nach der sie sich so sehr sehnen, außerdem können sie gemeinschaftlich „Fremdes“ oder „Anderes“ (was ihnen ohnehin suspekt ist) ab- und sich damit aufwerten. Gleichzeitig wird dem Leben mit dem Anschluss an eine solche Gruppe ein neuer Sinn gegeben. Psychosoziale Einschränkungen wie die hier beschriebenen legen Radikalisierung in manchen Fällen geradezu nahe. Radikale Strukturen ziehen manche junge Menschen gleichsam magnetisch an, denn sie machen ihnen (vermeintlich) passgenaue Angebote und Versprechungen, die Antworten, Entlastung, Eindeutigkeit und Aufwertung zu bieten scheinen.

Nicht Ideologie oder Religion

Das neue Programm „Blickwechsel“ folgt einem bislang außergewöhnlichen Ansatz: In der Arbeit mit den jungen radikalisierten Menschen steht nicht wie üblich die Ideologie oder Religion im Mittelpunkt, es geht vielmehr um eine Nachreifung bestimmter innerpsychischer Funktionen, die eine Radikalisierung begünstigen. Um junge Menschen nachhaltig aus radikalen Gruppierungen zu lösen, muss der Blick auf deren Innenwelten gerichtet werden, um dort Veränderungen anzustoßen. Dies kann nur innerhalb einer stabilen, wertschätzenden, haltgebenden Arbeitsbeziehung mit Pädagogen und Pädagoginnen gelingen, die im Umgang mit beziehungsgestörten jungen Menschen erfahren und entsprechend geschult sind.

Wissenschaftliches Modellprojekt für pädagogisch Arbeitende

Die Denkzeit-Gesellschaft e.V., ein Freier Träger der Jugendhilfe, bietet in einem wissenschaftlich begleiteten Modellprojekt erstmalig eine solche Chance: Lehrkräfte, sozialberuflich Tätige und andere, die in ihrem Umfeld mit radikalisierten oder sich radikalisierenden jungen Menschen konfrontiert sind, können diese ab sofort zuweisen. Das pädagogische Einzeltrainingsprogramm „Blickwechsel“ findet dann zweimal pro Woche über ca. 6 Monate statt. Durch die Förderung der Landeskommission Berlin gegen Gewalt ist dieses Angebot kostenfrei.

Weitere Informationen und die Anmeldeformulare zu „Blickwechsel“ finden sich auf der Homepage der Denkzeit-Gesellschaft: www.denkzeit.com/deradikalisierung

 

(Quelle: Denkzeit-Gesellschaft e.V.)

 

 

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„Voll schizo, wa?!“

Wenn etwas „Voll schizo, wa?!“ ist, meint der Mensch, über dessen Lippen diese Bewertung kommt, dass eine andere Person offenbar nicht so recht weiß, was sie will oder sogar ganz gegenteilige, in sich nicht schlüssige Gedanken äußert oder Handlungen an den Tag legt. Und genau diese weit verbreitete Meinung ist falsch.

Multiple Persönlichkeit

Um es fachlich korrekt und dennoch allgemein verständlich zu sagen: Schizophren ist nicht das, was es zu sein scheint. Es handelt sich bei diesem berühmten „Switch“, dem Wechsel von einer Persönlichkeit zur nächsten (oder sogar mehreren) bei ein und demselben Menschen um das Krankheitsbild der dissoziativen Störung, auch Konversionsstörung genannt – präziser: Multiple Persönlichkeit. Die Faszination dieser Störung beruht wohl nicht zuletzt darin, dass jeder Mensch sich in seinem Leben einmal hin- und hergerissen fühlt, wenn es um emotionale, berufliche oder sonstige Entscheidungen geht. Oder auch, wenn mancher denkt, er wäre lieber netter zu seinem sozialen Umfeld oder -im Gegenteil- gemeiner, weil er sich ungerecht behandelt fühlt.

Edward Norton als Aaron Stampler

Wohl eine der brillantesten Darstellungen dieses Phänomens findet man in dem Film „Zwielicht“ mit Edward Norton, der dafür unter anderem den Golden Globe als bester Nebendarsteller abräumte. Kein Wunder, dass Norton mit dieser seiner ersten großen Rolle den Ruhm für eine große Schauspiel-Karriere begründete – vielen ist er sicherlich bekannt aus „American History X“. Edward Norton empfahl sich mit dieser einen Rolle zukünftigen Auftraggebern aufs Beste, weil er als schüchterner Messdiener Aaron Stampler, der immer wieder unvermittelt zum selbstbewußten Roy wird, die komplette Bandbreite seines schauspielerischen Könnens darbieten konnte – der Faszination einer dissoziativen Störung sei dank.

Hintergrund der dissoziativen Störungen

So reizvoll diese Störung für Kreative der unterschiedlichsten Genres ist – diejenigen, die davon im Krankheitssinne betroffen sind, leiden oftmals seit Jahren darunter und/oder sind sehr allein mit ihrem Leiden. Das Wort „Konversion“ heißt, dass ein Prozess umgewandelt wird. Im Hinblick auf psychische Krankheiten bedeutet das: Ein seelischer Konflikt wird vom normalen Erleben abgespalten und äußert sich oft in körperlichen Symptomen, für die sich keine organischen Ursachen finden lassen. Bekannteste Beispiele sind Amnesien nach einem Unfall oder auch Lähmungen (Dissoziative Bewegungsstörung), um nur einige zu nennen.

Multiple Persönlichkeit ist umstritten

Unter F44.8 ist die Multiple Persönlichkeit zwar aufgeführt in der ICD (International Classification of Diseases), der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegebenen Systematik für psychische Krankheiten – dennoch besteht noch kein grundlegender Konsens betreffend die Existenz dieser Störung. Wahrscheinlich liegt der Grund in dem sehr seltenen Auftreten der multiplen Persönlichkeit und der Schwierigkeit, diese Störung zu diagnostizieren.

 

Katrin Asmuß -Heilpraktikerin für Psychotherapie-

 

 

 

 

Frühjahrsmüdigkeit

Alle reden immer davon, dass sie im Herbst und Winter ständig nur pennen könnten –  dabei ist diese Frühjahrsmüdigkeit viel nervender. Immerhin sorgt sie dafür, dass man sich wie hin- und hergerissen fühlt: An schönen Tagen sind es die Hummeln im Hintern, die einen vor die Tür treiben, weil das Wetter so schön ist. Tag zwei ist auch noch ganz nett, aber am dritten oder vierten Tag schlägt diese Müdigkeit dann wieder zu.

Krankheitsbild

Ob man nun wirklich leidet oder nur etwas genervt ist vom eben beschriebenen Zustand – es kann getrost Entwarnung gegeben werden. Jedenfalls grundsätzlich, denn es gibt tatsächlich das Krankheitsbild der saisonal bedingten (saisonal-affektiv, engl.: Seasonal Affektive Disorder, kurz SAD) Depression im Rahmen der affektiven Störungen. Allerdings bezieht sich dieses Krankheitsbild eher auf die dunkle Jahreszeit. Während im Herbst und Winter der Lichtentzug usw. eine Rolle spielen, ist die Frühjahrsmüdigkeit eher auf eine generelle Umstellung des Körpers auf die nun wieder ganz neuen Bedingungen der helleren und warmen Jahreszeit zurückzuführen. Mehr Licht bedeutet auch mehr Energie – und deshalb bedeutet eine oder zwei Wochen Müdigkeit in diesem Zusammenhang nicht gleich Kranksein oder Depression.

Aktivitätsschub

Im Gegenteil: Nach dem „Hänger“ kommt der Aktivitätsschub. Eigentlich eine weitaus bessere Gelegenheit für neue Vorsätze anstatt diese zu Silvester zu fassen. Ernährung, Bewegung und neue Pläne sprießen ebenso wie neue Blüten in der Natur. Und deshalb sollte man sich auf gar keinen Fall unnötigen Druck machen, wenn jetzt die Zeitschriften wieder eine unsinnige und größtenteils krankmachende Diät nach der anderen propagieren, um Leserschaft und Kunden-Werbeanzeigen zu akquirieren. Bloß nicht von Photoshop und Co blenden lassen; insbesondere die Mädchen und Frauen sollten immer daran denken: Kauft keine so genannten Frauen-Publikationen, die Euch nicht unterhalten wollen, sondern lediglich zu Verspannungen und zusätzlichem Stress führen!

In diesem Sinne wünsche ich sowohl Frauen als auch Männern eine kurze Phase der Frühlingsmüdigkeit, aus der alle wie Phoenix aus der Asche aufsteigen und ihre Frühlingsgefühle geniessen – ob nun so, wie es jetzt gerade alle denken oder im Garten beim Neubepflanzen der Beete, auf dem Fahrrad, beim Angrillen…

Unstatistik zum Facebook-Algorithmus

Herrlich, die neueste Unstatistik ist vom Dezember und hat es wieder einmal in sich:

„Zeige mir deine ‚Facebook-Likes’ und ich sage dir, wer du bist.“ Wie ein Lauffeuer verbreitete sich im Dezember die Botschaft, dass ein derartiger Facebook-Algorithmus Donald Trump zum Wahlsieg verholfen haben soll. Viele renommierte Medien stellen diese Behauptung in Frage, denn bewiesen hat der auslösende Artikel im Schweizer „Das Magazin“ den Zusammenhang keinesfalls. Doch warum wird nicht auch der Algorithmus selbst hinterfragt? Grund dazu gibt es, schließlich behauptet dessen Entwickler, dass er aufgrund von „Gefällt-mir“-Angaben, psychometrischer Tests und dem Facebook- Profil  einer Person genaue Aussagen über ihre Persönlichkeit treffen könne. So könne, wie der Artikel im Magazin behauptet, mit einer Genauigkeit von 88% vorhergesagt werden, was für eine sexuelle Orientierung ein Mann hat. „Facebook knackt Ihre Psyche“ verriet uns denn auch chip.de.

Dabei ist diese Zahl gar nicht die Genauigkeit der Prognose. Tatsächlich bedeutet das Ergebnis: Nimmt man je eine Person pro Gruppe, also einen homosexuellen und einen heterosexuellen Mann, so kann man diese mit einer Wahrscheinlichkeit von 88% ihren richtigen Gruppen zuordnen. Die Prozentzahl bemisst die so genannte „Area under the Curve“ und bezieht sich auf den Vergleich zwischen den Gruppen, nicht auf die Prognosegüte an sich.

Doch auch eine echte Wahrscheinlichkeitsaussage wäre mit Vorsicht zu genießen. Es reicht für unsere Zwecke aus, von einer groben Schätzung von rund 10% Homosexuellen in der Gesamtbevölkerung auszugehen. In einer Gruppe von 10.000 Personen wären dann 9.000 hetero- und 1.000 homosexuell. Wer alle Menschen als heterosexuell klassifizierte, überträfe den Algorithmus schon um 2 Prozentpunkte, läge aber bei den Homosexuellen sicher falsch. Ein etwas komplexerer Algorithmus, der in beiden Gruppen eine Korrektheit von 88% besäße, würde in der ersten Gruppe 7.920 Personen als hetero- und 1.080 fälschlicherweise als homosexuell einschätzen. In der zweiten Gruppe werden 880 Personen korrekt eingeschätzt, 120 falsch. Aufaddiert wird also für 1.960 Personen die Aussage getroffen, dass sie homosexuell sind. Davon sind aber tatsächlich nur 880 homosexuell, was zu einer Treffsicherheit von nur etwa 45% führt. Das ist eine ziemlich enttäuschende Leistung, die sich unmittelbar aus dem Satz von Bayes ergibt.

Algorithmus formalisiert Alltags-Klischees und liegt oft daneben

Bei Frauen, so wird berichtet, könne man die sexuelle Orientierung nur mit 75% Sicherheit vorhersagen. Mit der gleichen Analyse wie oben ergibt sich daraus, dass nur 25% von allen als homosexuell diagnostizierten Frauen tatsächlich homosexuell sind. Die meisten sind Fehldiagnosen.

Also, wenn Sie wissen, ob sie homosexuell sind, dann sagt Ihnen der Algorithmus nichts Neues. Wenn Sie sich nicht sicher sind und Sie die Diagnose „homosexuell“ erhalten, dann ist die Diagnose wahrscheinlich ein Irrtum. Wie wir schon zuvor bei der Vorhersage von Pankreaskrebs durch die Microsoft-Suchmaschine Bing berichteten: Viel Lärm um Big Data.

Selbst wenn alle Daten korrekt wären, ist der Algorithmus kaum mehr als eine Formalisierung von Alltags-Klischees. Wenn ein Mann freimütig erzählt, dass er sich brennend für Make-Up und Mode interessiert, müssen wir uns selbstkritisch fragen, wie gefeit wir vor unwillkürlichen Einschätzungen sind. So folgert auch der Algorithmus: Männer, die die Kosmetikmarke MAC mögen, sind mit höherer Wahrscheinlichkeit homosexuell. Eher sollten wir uns also darüber Sorgen machen, wie sehr Facebooks Algorithmus die in unseren Köpfen verankerten Vorurteile bestärkt.

Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. In diesem Monat hat die Gastautorin Katharina Schüller, Geschäftsleiterin und Gründerin von STAT-UP, die „Unstatistik“ verfasst. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter www.unstatistik.de.

(Quelle: RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung)

WEISSER RING warnt vor digitaler Belästigung und Bedrängung im Berufsalltag

Biwer: „Cybermobbing hat gravierende Folgen für Arbeitnehmer“

Cybermobbing – also Belästigung, Bedrängung und Diffamierung unter anderem im Internet, per Handy und per E-Mail – hat auch Erwachsene im Berufsalltag erreicht. Darauf macht der WEISSE RING, Deutschlands größte Hilfsorganisation für Opfer von Kriminalität, am internationalen, in Deutschland noch wenig bekannten „Behaupte-dich-gegen-Mobbing-Tag“ aufmerksam. In diesem Jahr fällt er auf den 18. November. Laut einer Studie des Bündnisses gegen Cybermobbing sind in Deutschland rund eine Million Erwerbstätige von Mobbing und Cybermobbing betroffen – ein Drittel der Fälle von Cybermobbing findet laut Studie im Arbeitsumfeld statt.

Arbeitskollegen machen sich in E-Mails über ihr Opfer lustig, verschicken Fotos in dessen Namen oder erstellen in sozialen Netzwerken Profile, um mit falscher Identität soziale Kontakte des Opfers vor den Kopf zu stoßen, zu bedrängen oder zu bedrohen – „Cybermobbing am Arbeitsplatz hat viele Gesichter“, sagt Bianca Biwer, Bundesgeschäftsführerin des WEISSEN RINGS. Sie warnt vor den gravierenden Folgen, unter denen die Opfer von Cybermobbing oft leiden. Dazu gehören körperliche Symptome wie Kopf- oder Bauchschmerzen, Müdigkeit und Schlaflosigkeit, aber auch Verhaltensänderungen, plötzlicher Leistungsabfall und Depressionen. „Im Extremfall kann es auch zu konkreten Suizidgedanken kommen“, so Biwer.

Durch das Internet mit seinen interaktiven Beteiligungsformen und die vielen Möglichkeiten der Smartphone-Nutzung breiten sich Beleidigungen, Diffamierungen und Drohungen schnell aus. Opfer sind den Attacken der Cybermobber kontinuierlich ausgesetzt, nicht mehr nur am Arbeitsplatz. Die Hemmschwelle für Täter ist hingegen sehr niedrig, da für eine Attacke persönliche Konfrontation mit dem Opfer nicht zwingend erforderlich ist und das Medium Internet genug Möglichkeiten bietet, die eigene Identität zu verschleiern.

Laut Studie des Bündnisses gegen Cybermobbing hat Cybermobbing in der Berufswelt auch volkswirtschaftliche Folgen: Der Untersuchung zufolge sind Arbeitnehmer, die Opfer von Cybermobbing werden, im Durchschnitt sechs Tage länger krankgeschrieben als Nichtbetroffene. Die gesamtwirtschaftlichen Kosten von Mobbing und Cybermobbing werden unter anderem direkt durch Krankheitsbehandlung und indirekt durch Produktionsausfälle mit 15 bis 50 Milliarden Euro beziffert.

„Wer sich vor Cybermobbern möglichst gut schützen will, sollte gut abwägen, welche Daten er in der digitalen Welt preisgibt und wer diese Daten beispielsweise aus dem beruflichen Umfeld einsehen kann“, sagt Bianca Biwer. Generell empfiehlt die Bundesgeschäftsführerin einen sensiblen und zurückhaltenden Umgang mit eigenen Daten, um Tätern von vorn herein wenig Angriffsfläche zu bieten. Dazu zählt beispielsweise, in sozialen Netzwerken die Privatsphäre-Einstellungen so festzulegen, dass das eigene Profil mit hochgeladenen Fotos und Videos nicht für jeden sofort einsehbar ist.

Opfer von Cybermobbing sollten die Situation auf keinen Fall hinnehmen. Es gilt, schnell zu reagieren, Cybermobbing-Attacken gegebenenfalls Vorgesetzten oder anderen Stellen im Betrieb oder bei Erfüllung eines Straftatbestandes auch der Polizei zu melden. Wichtig ist auch, sich Hilfe zu holen. Der WEISSE RING steht Opfern von Cybermobbing mit Rat und Tat zur Seite: Die 3.200 ehrenamtlichen, professionell ausgebildeten Mitarbeiter des Vereins geben Trost und leisten Beistand, begleiten aber auch bei Gängen zur Polizei oder zu Behörden. Darüber hinaus vermitteln sie schnell und unkompliziert materielle Hilfen und nehmen ihre Lotsenfunktion wahr, um Hilfesuchende im Netzwerk des WEISSEN RINGS weiterzuvermitteln. Das bundesweite und kostenlose Opfer-Telefon des WEISSEN RINGS ist unter der Rufnummer 116 006 an allen sieben Wochentagen von 7 bis 22 Uhr erreichbar. Im Sommer 2016 hat der Verein darüber hinaus eine Onlineberatung eingerichtet, um einen weiteren anonymen Zugang zu den Hilfen des Vereins zu ermöglichen.

Unstatistik zum Thema Terrorangst

Ich bin eine bekennende Freundin der Statistiken als solche, amüsiere mich aber auch gern über die meist irreführenden Interpretationen von Umfragen/Statistiken in den Medien. Deshalb ist für mich die „Unstatistik des Monats“ Pflichtlektüre – anhand dieser hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Hier also einmal 1:1 eine Pressemitteilung zum Thema „Terrorangst“:
(Pressemitteilung RWI Essen) Die Angst der Deutschen wächst – insbesondere die vor Terroranschlägen. Viele Medien berichteten Anfang dieses Monats von den Ergebnissen einer Angststudie der R+V Versicherung, darunter die Online-Ausgabe der „Süddeutschen Zeitung“ unter dem Titel „Studie: Terror-Angst der Deutschen wächst“, die Bild-Zeitung und dem Titel „Terror ist die größte Sorge der Deutschen!“ und der Westdeutsche Rundfunk unter „Nizza und die Folgen: Feiern gegen die Angst?“. Nach dieser Studie fürchteten sich 73 Prozent der 2400 befragten Personen davor, dass „terroristische Vereinigungen Anschläge verüben“. Auch international stehen die Deutschen mit dieser Angst an der Spitze. Nach einer Umfrage des US-Meinungsforschungsinstituts Pew befürchten 61 Prozent der befragten Deutschen, dass der Flüchtlingszustrom die Wahrscheinlichkeit von Terrorismus erhöhe. Damit belegt Deutschland unter den zehn Ländern, in denen die Befragung durchgeführt wurde, nach Ungarn und Polen den dritten Platz.

Die Umfrageergebnisse stellen an sich noch keine Unstatistik dar. Bedenklich ist vielmehr, dass – von wenigen Ausnahmen abgesehen – nicht versucht wurde, die Wahrscheinlichkeit eines Terroranschlags in Relation zu anderen Gefahren des Lebens zu stellen. So war es in Deutschland in den vergangenen Jahren wahrscheinlicher, von einem Blitz getroffen als Opfer eines terroristischen Anschlags zu werden. Selbst in den USA ist es in den meisten Jahren wahrscheinlicher von einem Kleinkind erschossen zu werden, das mit den Waffen der Eltern herumspielt, als durch einen Terroristen. Mit derartigen Informationen könnte man nicht nur der Angst der Bevölkerung entgegenwirken, sondern auch den Terrorismus entwaffnen. Dessen Ziel ist es ja gerade, Angst zu verbreiten.

Sollten Sie sich aufgrund der terroristischen Anschläge entschieden haben, dieses Jahr mit dem Auto an die Nord- oder Ostsee oder in die Alpen zu fahren – fahren Sie vorsichtig! Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie dabei einen tödlichen Verkehrsunfall haben, ist um ein Vielfaches höher als in der Türkei oder auf Djerba Opfer eines Terroranschlags zu werden.

(Quelle: RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung)
weitere Unstatistiken unter: http://www.unstatistik.de

WEISSER RING: Jugendliche müssen Belästigung im Internet nicht hinnehmen

(Pressemitteilung) Dauerhafte Belästigungen, Beschimpfungen und obszöne Anmachen müssen Jugendliche in Internet-Foren, in sozialen Netzwerken und auf Dating-Plattformen nicht hinnehmen. Dafür möchte der WEISSE RING, Deutschlands größte Hilfsorganisation für Opfer von Kriminalität, am Internationalen Tag der Jugend am 12. August sensibilisieren. Jugendliche sollten stattdessen Personen, die sie bedrängen und immer wieder unerwünscht Kontakt aufnehmen, blocken und dem Plattformbetreiber melden. Nur so kann der Betreiber der Sache nachgehen, verwarnen und unseriöse Profile löschen.

Bei schwerwiegenden Beleidigungen, Drohungen und der Zusendung von pornografischem Material sollten Jugendliche nicht davor zurückschrecken, die Polizei einzuschalten. „Junge Menschen befinden sich in einer Lernphase – auch, was ihr Onlineverhalten angeht“, sagt Bianca Biwer, Bundesgeschäftsführerin des WEISSEN RINGS. Teilweise falle es ihnen – wie auch vielen Erwachsenen – schwer, einzuschätzen, welche Dimensionen und Folgen eigene Aktivitäten im Netz haben: zum Beispiel, wer auf eingestellte Daten, Bilder und Informationen tatsächlich zugreifen kann und wie lange sie im Netz gespeichert bleiben. Auch passiere es, dass in Zeiten enger digitaler Vernetzung Inhalte ins Netz gestellt würden, ohne sie vorher kritisch geprüft zu haben. „Wenn sich Jugendliche mit einer Online- Bekanntschaft oder einem gänzlich Unbekannten konfrontiert sehen, der sie plötzlich dauerhaft und ungefragt beleidigt, bedroht oder obszön angeht, kann sie das erheblich verunsichern“, so Biwer. Dies könne unter Umständen daran hindern, sich Hilfe zu holen und andere einzuschalten.

Das Internet erlaubt Tätern, rund um die Uhr aktiv zu sein, ohne dabei überhaupt real in Kontakt mit Opfern zu treten, und sie auch praktisch vor den Augen aller anderen Netzwerkmitglieder anzugehen und bloßzustellen. Entsprechend permanent ist die Belastungssituation für Opfer. Nicht selten leiden sie in der Folge noch jahrelang unter schwerwiegenden körperlichen und psychischen Belastungen, die das weitere Leben massiv beeinträchtigen können. Gerade für junge Menschen kann dies besonders tragisch sein. Daher ist es auch so wichtig, aktiv zu werden, sich dauerhafte und unerwünschte Belästigung nicht gefallen zu lassen und Vertrauenspersonen, den Plattformbetreiber oder unter Umständen auch die Polizei zu kontaktieren.

Der WEISSE RING möchte auch Eltern dazu ermutigen, sich über Risiken und Gefahren in der digitalen Lebenswelt ihrer Kinder zu informieren und mit ihnen darüber zu sprechen. Wichtig ist dabei, Jugendliche für ihr Online-Verhalten nicht von vornherein zu verurteilen und sie nicht unnötig einzuschränken. In sozialen Netzwerken wie Facebook gibt es beispielsweise Privatsphäre-Einstellungen, die vor Kontaktaufnahme Unbekannter schützen können. Es hilft auch, sich Nutzungsrechte eines Plattformbetreibers aufmerksam durchzulesen, um zu erfahren, was mit ins Netz gestellten Inhalten passiert – und zu welchem Zweck der Betreiber diese Daten noch verwenden kann.

„Wichtig ist, das richtige Gespür bei sich und seinen Kindern zu entwickeln, welche persönlichen Daten preisgegeben werden dürfen“, betont Bundesgeschäftsführerin Biwer. Gleichermaßen wichtig sei die Erkenntnis, dass Opfer Tätern im Internet nicht schutzlos ausgeliefert sind. Der WEISSE RING steht Opfern, die im Internet belästigt und bedroht werden, mit Rat und Tat zur Seite: Die 3.200 ehrenamtlichen, professionell ausgebildeten Mitarbeitern leisten in bundesweit 420 Außenstellen Trost und Beistand und begleiten zur Polizei und zum Gericht. Darüber hinaus vermitteln sie finanzielle und weiterführende Hilfen. Die Mitarbeiter des bundesweiten und kostenlosen Opfer-Telefons des WEISSEN RINGS sind unter der Rufnummer 116 006 an allen sieben Wochentagen von 7 bis 22 Uhr erreichbar.

Der WEISSE RING wurde 1976 in Mainz gegründet als „Gemeinnütziger Verein zur Unterstützung von Kriminalitätsopfern und zur Verhütung von Straftaten e. V.“. Er ist Deutschlands größte Hilfsorganisation für Opfer von Kriminalität. Der Verein unterhält ein Netz von rund 3.200 ehrenamtlichen, professionell ausgebildeten Opferhelfern in bundesweit 420 Außenstellen. Der WEISSE RING hat über 100.000 Förderer und ist in 18 Landesverbände gegliedert. Er ist ein sachkundiger und anerkannter Ansprechpartner für Politik, Justiz, Verwaltung, Wissenschaft und Medien in allen Fragen der Opferhilfe. Der Verein finanziert seine Tätigkeit aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden, testamentarischen Zuwendungen sowie von Gerichten und Staatsanwaltschaften verhängten Geldbußen.