Rückenschmerzen: Krankenhausbehandlungen steigen um 80 Prozent / Jeder Siebte leidet chronisch

Hier eine Pressemitteilung der DAK Gesundheit. Der Zusammenhang zwischen Psyche und Rückenschmerzen gehört in unserer Praxis quasi zum „Tagesgeschäft“: Ich arbeite hier als Heilpraktikerin für Psychotherapie und meine Kollegin deckt den körperlichen Part ab, so dass wir das „ganze Paket“ auf kurzem Weg anbieten können.

(PM) Rätsel Rücken: Trotz Prävention und zahlreicher Gesundheitskurse leiden in Deutschland Millionen Menschen unter teils heftigen Rückenschmerzen. Immer mehr Patienten gehen mit ihren Beschwerden direkt ins Krankenhaus. Seit dem Jahr 2007 stieg die Zahl der stationären Behandlungen um 80 Prozent und erreichte 2016 einen Höchststand. Fast die Hälfte der Betroffenen ließ sich als Notfall aufnehmen. Das zeigt der aktuelle Gesundheitsreport „Rätsel Rücken“ der DAK-Gesundheit. Die Krankenkasse wertete dafür unter anderem Daten von 2,5 Millionen erwerbstätigen Versicherten aus, befragte 5.200 Frauen und Männer zum Thema und verglich die Ergebnisse mit den Vorjahren. Nach der Umfrage hatten 75 Prozent aller Berufstätigen im vergangenen Jahr mindestens einmal Rückenschmerzen. Jeder Vierte hat aktuell Beschwerden.

Laut DAK-Gesundheitsreport 2018 sind Rückenschmerzen die zweithäufigste Einzeldiagnose für Krankschreibungen.

Hochgerechnet auf die erwerbstätige Bevölkerung gab es dadurch rund 35 Millionen Ausfalltage im Job. Jeder siebte Arbeitnehmer (14,4 Prozent) leidet bereits drei Monate oder länger unter Rückenschmerzen. Während in der Umfrage 2003 noch 55 Prozent der Berufstätigen angaben, mindestens einmal im Jahr Beschwerden zu haben, sind es jetzt mit 75 Prozent deutlich mehr. „Das gesundheitspolitische Ziel, das Problem Rücken in den Griff zu bekommen, wurde nach den Ergebnissen unserer Studie nicht erreicht“, sagt der Vorstandschef der DAK-Gesundheit Andreas Storm. „Die Untersuchung sollte zum Anlass genommen werden, die Angebote in den Bereichen Prävention und Versorgung auf den Prüfstand zu stellen.“ Dies sei auch mit Blick auf das im Koalitionsvertrag geplante neue Disease Management Programm zur Rückengesundheit jetzt genau der richtige Zeitpunkt, um eine zielgenaue Lösung für die betroffenen Patienten zu finden.

80 Prozent mehr Krankenhausfälle – vor allem Notfälle

Die Problematik spiegelt sich auch in der stationären Behandlung wider. Deutschlandweit wurde im Jahr 2016 mit mehr als 220.000 Krankenhausfällen wegen Rückenschmerzen ein neuer Höchststand erreicht. Dies bedeutet einen Anstieg um 80 Prozent in den vergangenen neun Jahren. Der DAK-Report untersucht erstmals detailliert, wie und wann Rückenschmerzpatienten in die Klinik kommen. Fazit: 46 Prozent der Betroffenen werden als Notfälle aufgenommen. Seit 2010 stieg die Zahl der Notfallaufnahmen von Rückenschmerzpatienten etwa doppelt so stark an wie bei geplant stationär aufgenommenen Patienten. Im Vergleich zum Jahr 2010 wurden 2016 insgesamt 30.000 Notfallaufnahmen mehr registriert.

Immer mehr Rückenschmerzpatienten gehen direkt in die Klinik

Werktags zwischen acht und elf Uhr erhöhte sich die Anzahl der Notfallaufnahmen wegen Rückenschmerzen um mehr als zwei Drittel, obwohl zu diesen Zeiten auch die Praxen der niedergelassenen Ärzte üblicherweise geöffnet sind. Um den Erwartungen der Betroffenen an die Versorgung möglichst gerecht zu werden und gleichzeitig die Notfallambulanzen der Kliniken zu entlasten, sieht der Vorstandschef der DAK-Gesundheit Portalpraxen, wie in Schleswig-Holstein, medizinische Versorgungszentren, teilstationäre Versorgungsangebote und einen verbesserten Terminservice bei den niedergelassenen Ärzten als wichtige Lösungsansätze.

Jeder Zwanzigste wegen Rücken krankgeschrieben

Laut DAK-Gesundheitsreport bleiben die Krankschreibungen aufgrund von Rückenproblemen seit Jahren auf hohem Niveau. Rückenschmerzen sind die zweitwichtigste Einzeldiagnose im Arbeitsunfähigkeitsgeschehen – hinter Infektionen der Atemwege. Etwa jeder zwanzigste Berufstätige ist mindestens einmal im Jahr wegen Rückenschmerzen krankgeschrieben. „Trotz eines verstärkten Engagements im Betrieblichen Gesundheitsmanagement gibt es keine signifikante Verbesserung“, betont Storm. „Gemeinsam mit Unternehmen müssen wir das individuelle Arbeitsumfeld noch rückenfreundlicher gestalten – und möglichst mehr Bewegung im Job erreichen.“

Risikofaktoren für Rückenschmerzen

Erstmals macht die DAK-Analyse deutlich: An Rückenschmerzen zu leiden oder sich damit krankzumelden hängt von verschiedenen Faktoren ab. Häufiges Arbeiten in unbequemer Körperhaltung, Termin- und Leistungsdruck sowie eine schlechte Work-Life-Balance gehören dazu. Krankmeldungen sind außerdem abhängig vom Alter, vom Chronifizierungsgrad und davon, ob der Job fast nie mit Freude erledigt wird. Der Blick auf die Geschlechter zeigt: Männer berichten zwar insgesamt seltener von Rückenschmerzen als Frauen, sie bleiben im Vergleich jedoch zu einem höheren Anteil der Arbeit fern, wenn sie Rückenschmerzen haben (ein Unterschied von 20 Prozent).

Mehrheit geht nicht zum Arzt

Die große Mehrheit der Betroffenen versucht zunächst allein mit den Schmerzen zurechtzukommen. 30 Prozent waren laut eigenen Angaben im vergangenen Jahr wegen ihrer Beschwerden beim Arzt. Von ihnen suchten rund 77 Prozent bei einem einzigen Mediziner Hilfe. 18 Prozent konsultierten zwei, vier Prozent drei Ärzte wegen ihrer Beschwerden. Gefragt nach der konkreten Rückenschmerz-Behandlung gaben 60 Prozent der Betroffenen an, eine Physiotherapie bekommen zu haben. 42 Prozent erhielten Schmerzmittel, fast jeder Dritte bekam eine Spritze (31 Prozent). Bei etwa jedem Vierten (28 Prozent) wurde ein CT oder ein MRT des Rückens gemacht. Mit jedem Fünften wurde über den Umgang mit Schmerzen gesprochen. Der Zusammenhang von Stress und Rückenschmerzen wurde in den Praxen allerdings kaum thematisiert (5,4 Prozent). „Da wir wissen, dass Stress und psychische Belastungen sich stark auf die Rückengesundheit auswirken können, sollte dieser Aspekt stärker bei der Diagnose und der Behandlung berücksichtigt werden“, fordert Storm.

Jeder Zehnte schont sich

Insgesamt gehen Rückenschmerz-Geplagte relativ gelassen mit ihren Beschwerden um: 61 Prozent setzen auf Wärme in Form von Heizkissen, Bädern oder Sauna. 42 Prozent bewegen sich, beispielsweise bei einem Spaziergang. Jeder Dritte (33,8 Prozent) lebt erstmal normal weiter und rechnet damit, dass die Rückenschmerzen wieder verschwinden. „Das sind gute Ansätze“, sagt Ingo Froböse, Professor für Prävention und Rehabilitation im Sport an der Deutschen Sporthochschule in Köln. „Denn die meisten Rückenschmerzen sind wie Schnupfen. Betroffene sollten sich kümmern, aber nicht in Panik verfallen.“ Schonen sollten sie sich seiner Ansicht nach aber auch nicht. Das verstärke die Schmerzen eher noch. Trotzdem gab dies aktuell noch jeder Zehnte an. Immerhin: 2003 sagte noch fast ein Drittel (31 Prozent), wegen der Rückenschmerzen körperliche Aktivität zu meiden. „Hier gibt es bei vielen Menschen anscheinend ein Umdenken“, so Froböse.

(Quelle: DAK Gesundheit)

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Psychohygiene, Teil I

Sicherlich kann der gesunde Menschenverstand recht schnell mit dem Wort Psychohygiene einiges assoziieren. Mit diesen gedanklichen Verbindungen liegen die meisten Leute auch völlig richtig: Gedanken einfach richtig ablegen, ihnen nachhängen und manche beiseite legen – das Gehirn aufräumen, reinigen und so weiter. Das Gebiet der Psychohygiene ist sehr weit gefächert, deshalb hier nur ein erster Einstieg zur Selbstbeobachtung oder auch einfach nur zur Kenntnis – wie auch immer.

Grundlegende Psychohygiene

Ein gemütliches Beisammensein mit Freunden, Probleme ansprechen und diskutieren, aber einfach auch mal über den nervigen Alltag herummeckern und sich gründlich selbst bedauern – das sind einige der wichtigsten Bausteine der Psychohygiene. Keiner mag die „Hobby-Opfer“ oder diejenigen, die sich permanent in ihrer Selbstherrlichkeit darstellen. Das ist der Tatsache geschuldet, dass alles, was man übertreibt, sowieso immer in das Gegenteil umschlägt oder krasser formuliert: Alles, was übertrieben wird, birgt (Krankheits-)Gefahren in sich. Soll heißen: Sich selbst mal einfach mal loben für eine gute Leistung oder sich in eine Ecke verziehen und alle anderen Menschen im sozialen Umfeld einfach nur doof finden, sind nicht nur völlig normale Verhaltensweisen – im Gegenteil, wer so etwas ab und zu mal zelebriert, reagiert sich optimal ab und erhält sich dabei durchaus gesund. Der eine latscht parallel dazu ..zig Stunden durch den Wald, die nächste joggt, wiederum andere lesen ein Buch oder starren einfach nur in die Luft und freuen sich. So banal und erfüllend kann Glück sein.

Übertreibung und Authentizität

Wie oben schon geschrieben: Vorsicht vor Übertreibung. Sehr gut kann man das illustrieren an dem Zuviel in unserer Industriegesellschaft. Zu jeder Zeit ist alles verfügbar, sofern das nötige Kleingeld da ist. Umso größer ist kurioserweise die Freude, wenn die Erdbeerzeit anbricht oder endlich wieder Spargelsaison ist, um nur zwei Beispiele zu nennen. Ähnlich verhält es sich mit Menschen, die ständig einfach nur gut drauf sind. Ein paar Mal ist das toll, man läßt sich gern anstecken und genießt den Strudel guter Stimmung, in den man mit hineingerissen wird. Alles positiv, alles schick, alles toll – da geht auch dem passivsten Menschen irgendwann die Hutschnur hoch. Weil: Das ist nicht das Leben. Es gibt immer Hoch´s und Tief´s und Hell und Dunkel…usw. Dafür gibt es viele Metaphern von „Himmel und Hölle“ bis „Ying und Yang“. Tatsache bleibt: Wer durchweg nur mit traurigem Gesicht und leidend durch die Pampa latscht, nervt uns irgendwann eben so wie diejenigen, die ständig guter Laune sind. Da fehlt schlicht und ergreifend die Authentizität, um nicht zu sagen: die Normalität, die Ausgewogenheit.

Bauchgefühl und Heilsversprechen

Aus oben genannten Gründen sollte man durchaus kritisch – nicht pessimistisch – durch die Welt laufen und sich vor denen schützen, die versprechen, dass sie alle Probleme lösen und das auch ganz schnell. Da ist sie nämlich wieder – die Übertreibung. Der Glaube, woran auch immer, mag eine gute Stütze für manche Menschen sein. Doch letztendlich bewahrt einen immer nur der gesunde Menschenverstand vor falschen Entscheidungen oder Situationen… und selbstverständlich auch vor Menschen, die einem nicht guttun oder sogar schaden. Das Bauchgefühl ist die erste Entscheidungsstütze, die zweite der gesunde Menschenverstand. Das Verdienst der Wissenschaft besteht auch für Normalo´s in der Neigung, Dinge zu überdenken. Der einfachste Weg anhand des Beispiel bei einer größeren Geldausgabe: Das, was der Verkäufer mir gesagt hat, in Ruhe daheim überprüfen (oder in neudeutsch: googeln), mit engen Vertrauten besprechen und dabei durchaus auch die eigenen Standpunkte noch mal sehr kritisch in Frage zu stellen. Und immer daran denken: Verkäufer sind nicht nur in Läden oder vor der Wohnungstür und am Telefon zu finden, die Seelenverkäufer sind definitiv die schlimmere Variante!

Denken und Bewegung

Sehr wichtige Grundlage für die Psychohygiene -wie für alles andere- ist die Bewegung. Auch das Gehirn ist einfach nur ein Körperteil, das durchblutet wird und in dem haufenweise Prozesse passieren, die uns das Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten… und noch ..zig andere Vorgänge ermöglichen. Ob nun Joggen oder Spazierengehen: Wohl jede/r von uns kennt den Zustand bei entsprechend langer oder intensiver körperlicher Aktivität, in dem man nicht mehr denkt, sondern einfach nur da ist. Wie bei allen körperlichen Vorgängen sollte man genauer hinschauen und sich rechtzeitig von Überforderung schützen. Nachteil beim Gehirn: Man hat beispielsweise keinen Muskelkater, der einen deutlich spürbaren „Warnschuss“ vorab sendet. Hier kann nur jede/r für sich entscheiden, wann eine Pause angesagt ist und man sich einfach mal rausnimmt aus seinem sozialen Umfeld (inklusive Facebook & Co!!!).

…Fortsetzung folgt…

„Voll schizo, wa?!“

Wenn etwas „Voll schizo, wa?!“ ist, meint der Mensch, über dessen Lippen diese Bewertung kommt, dass eine andere Person offenbar nicht so recht weiß, was sie will oder sogar ganz gegenteilige, in sich nicht schlüssige Gedanken äußert oder Handlungen an den Tag legt. Und genau diese weit verbreitete Meinung ist falsch.

Multiple Persönlichkeit

Um es fachlich korrekt und dennoch allgemein verständlich zu sagen: Schizophren ist nicht das, was es zu sein scheint. Es handelt sich bei diesem berühmten „Switch“, dem Wechsel von einer Persönlichkeit zur nächsten (oder sogar mehreren) bei ein und demselben Menschen um das Krankheitsbild der dissoziativen Störung, auch Konversionsstörung genannt – präziser: Multiple Persönlichkeit. Die Faszination dieser Störung beruht wohl nicht zuletzt darin, dass jeder Mensch sich in seinem Leben einmal hin- und hergerissen fühlt, wenn es um emotionale, berufliche oder sonstige Entscheidungen geht. Oder auch, wenn mancher denkt, er wäre lieber netter zu seinem sozialen Umfeld oder -im Gegenteil- gemeiner, weil er sich ungerecht behandelt fühlt.

Edward Norton als Aaron Stampler

Wohl eine der brillantesten Darstellungen dieses Phänomens findet man in dem Film „Zwielicht“ mit Edward Norton, der dafür unter anderem den Golden Globe als bester Nebendarsteller abräumte. Kein Wunder, dass Norton mit dieser seiner ersten großen Rolle den Ruhm für eine große Schauspiel-Karriere begründete – vielen ist er sicherlich bekannt aus „American History X“. Edward Norton empfahl sich mit dieser einen Rolle zukünftigen Auftraggebern aufs Beste, weil er als schüchterner Messdiener Aaron Stampler, der immer wieder unvermittelt zum selbstbewußten Roy wird, die komplette Bandbreite seines schauspielerischen Könnens darbieten konnte – der Faszination einer dissoziativen Störung sei dank.

Hintergrund der dissoziativen Störungen

So reizvoll diese Störung für Kreative der unterschiedlichsten Genres ist – diejenigen, die davon im Krankheitssinne betroffen sind, leiden oftmals seit Jahren darunter und/oder sind sehr allein mit ihrem Leiden. Das Wort „Konversion“ heißt, dass ein Prozess umgewandelt wird. Im Hinblick auf psychische Krankheiten bedeutet das: Ein seelischer Konflikt wird vom normalen Erleben abgespalten und äußert sich oft in körperlichen Symptomen, für die sich keine organischen Ursachen finden lassen. Bekannteste Beispiele sind Amnesien nach einem Unfall oder auch Lähmungen (Dissoziative Bewegungsstörung), um nur einige zu nennen.

Multiple Persönlichkeit ist umstritten

Unter F44.8 ist die Multiple Persönlichkeit zwar aufgeführt in der ICD (International Classification of Diseases), der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegebenen Systematik für psychische Krankheiten – dennoch besteht noch kein grundlegender Konsens betreffend die Existenz dieser Störung. Wahrscheinlich liegt der Grund in dem sehr seltenen Auftreten der multiplen Persönlichkeit und der Schwierigkeit, diese Störung zu diagnostizieren.

 

Katrin Asmuß -Heilpraktikerin für Psychotherapie-

 

 

 

 

Buchtipps zur Kommunikation: Rezensionen von Katrin Asmuss

Die Kommunikation ist bekanntlich ebenso facettenreich wie die einzelnen Menschen mit ihrer jeweiligen Persönlichkeit. Deshalb erscheint die Auswahl der von mir rezensierten Bücher der ein oder dem anderen womöglich unsortiert. Für mich gibt es in dieser Zusammenstellung eine klare Ordnung. Das liegt in erster Linie daran, dass ich kein Buch als allein selig machendes ansehe.

Ich finde überall Impulse, was wahrscheinlich daran liegt, dass ich jeden Menschen zunächst einmal akzeptiere…

Doch genug des Vorgeplänkels: Vom Nicht-Allein-Selig-Machenden lässt sich prima ein Schlenker hinlegen – in die heutige Politik. Denn auch hier gilt, dass zunächst in Allem zumindest ein Quäntchen Wahrheit steckt. Und je massiver die Informationsflut mittels der unterschiedlichen Kanäle auf uns niederprasselt, desto mehr haben wir im wahrsten Sinne des Wortes die Qual der Wahl. Wer hier die Feinheiten nicht kennt, dem fällt es nicht leicht, die Richtigen anzukreuzen, egal ob für die Kommune, das Land oder den Bund.

(Wobei ich ausdrücklich und definitiv Nazis oder ähnliche Massen- und Serienkiller ausschließe, die für mich keine akzeptable Option sind.)

Darüber, warum und wie Skandale inszeniert werden und was das mit uns macht:

Ulrich Stockheim: “Land der Empörer”

Die Informationsflut und die Auswirkungen der vielen Kommunikationskanäle:

“Keine E-Mail für Dich” von Franziska Kühne

Hier noch Buchtipps für den alltäglichen Gebrauch:

Paul Ekman: “Ich weiss, dass du lügst – Was Gesichter verraten”

Thorsten Havener: “Denk doch, was du willst”

Bugliosi: „Helter Skelter. Der Mordrausch des Charles Manson“

Bereits im Vorwort stellt Vincent Bugliosi klar, dass er keinesfalls am zweifelhaften Ruhm des wohl berühmtesten Massenmörders teil haben will, sondern es ihm nicht nur von Berufs wegen um die Opfer geht. Das weltweite Interesse an Geburtstagen des Killers oder den Jahrestagen des Verbrechens befremden ihn eher. Das war für Bugliosi der Grund, gemeinsam mit dem Schriftsteller Curt Gentry die Chronologie des Grauens zu schreiben. Dafür erhielten sie den Edgar Allan Poe Award.

So strukturiert wie Bugliosi als Staatsanwalt arbeitete, ist auch das Buch aufgebaut

Die Bildunterschriften zu den Fotos, Übersichtskarten und Skizzen im Teil mit den Abbildungen folgen praktischerweise direkt dem Vorwort. Natürlich blättert der Leser daraufhin zunächst zur Mitte des Buches und verschafft sich so einen visuellen Überblick zum kompletten Geschehen und allen Beteiligten. Danach folgt eine Auflistung der auftretenden Personen, bis die Autoren schließlich mit „Teil 1: Die Morde“ fortfahren. So stellt man sich die offizielle Akte vor, bis Bugliosi als leitender Staatsanwalt im Prozess gegen die „Manson Familiy“ die Ermittlungen selbst leitet und protokolliert.

Selbst wenn es um Nebenschauplätze und Prominente geht, wie beispielsweise Truman Capote, der in Johnny Carsons Tonight Show zu einer Diskussion über das Verbrechen eingeladen wurde, bleibt Bugliosi bei den Fakten – alles belegbar anhand von Protokollen, Notizen, Verhören usw.

Weltanschauung, Hippie-Kultur und Beatles – Manson benutzte sie alle

Nicht umsonst wurde „Helter Skelter“ zum Weltbestseller und über sieben Millionen Mal verkauft. Es wird Mansons Kindheit beschrieben und wie junge Menschen in die Fänge dieses ungebildeten, aber rhetorisch begabten Kerls geraten konnten. Am deutlichsten zeigt sich das wohl an dem Schlüssel-Begriff „Helter Skelter“, dessen Wortsinn Manson nicht klar war – seine göttlichen Idole, die Beatles, sprachen britisches Englisch und kein amerikanisches. Durch den zufälligen Kontakt zu Denis Wilson von den Beach Boys, bei dem die Family zeitweise wohnte, versuchte Manson, ebenfalls zu einem Gott zu werden – ohne Erfolg. Also gründete er seine eigene Kommune, die „Manson Family“ und erfand eine eigene Weltanschauung, die er „Helter Skelter“ nannte. Nach den Morden an der Schauspielerin Sharon Tate (damalige schwangere Frau von Regisseur Roman Polanski) und ihren Freunden brodelte die Gerüchteküche, es herrschte Angst bei den Hollywood-Größen von Steve MacQueen bis Frank Sinatra, Partys wurden abgesagt und Misstrauen beherrschte die Menschen.

Laut Linda Kasabian litt die komplette Family unter „Verfolgungswahn vor den Schwarzen“

Kasabian war einst Jüngerin von Charles Manson und eine der wichtigsten Zeuginnen in den Ermittlungen. Während sich Bugliosi mit den Tücken der Gesetzgebung und der Zusammentragung von Fakten herumschlug, tat sich parallel dazu vor ihm ein unglaubliches Szenario auf: Aus dem einst Kleinkriminellen und erfolglosen Künstler war mittlerweile der selbst ernannte Gott, Menschenhändler, Zuhälter und Rassist Charles Manson geworden, der insofern Morde ganz vorsätzlich plante, weil er sie wissentlich so befahl, dass er selbst sich dabei die Finger nicht schmutzig machte. Laut seiner Theorie würden die Schwarzen die Weltherrschaft übernehmen, indem sie die Weißen überfielen und abschlachteten. Letztlich jedoch war es die Manson Family, die Roman Polanskis Ehefrau Sharon Tate und ihre Freunde abschlachteten, ebenso wie ihre späteren Opfer, die LaBiancas.

Blinder Gehorsam, endlich ein Zuhause, Sex als Liebesersatz und Drogen…

Es waren sicherlich verwahrloste Kinder, die in Mansons Hände fielen. Doch sie alle wussten, was Recht und Unrecht ist. In mühevoller Kleinarbeit konnten Bugliosi und seine Kollegen dies beweisen – und überlebten. Nicht jedem war dieses Glück beschieden, denn während des Prozesses wurden weitere Morde in Auftrag gegeben oder angedroht.

Manson selbst war übrigens gar nicht so sexbesessen, wie es die Legende gern behauptet. Vielmehr bot er seine Jüngerinnen als Ware an, damit er seine Kommune vergrößern konnte. Damit das funktionierte, verbot er unter anderem auch den Kontakt zwischen Müttern und Kindern. Unvorstellbar und wohl nur mit psychischen Folgeschäden vom übermäßigen Drogenkonsum in der Kommune erklärbar ist die Tatsache, dass diese Frauen Manson sogar im Nachhinein, während des Prozesses noch beschützten. So sagte Ruth Ann Moorehouse, Mitglied der Family: „Kurz bevor wir in der Wüste verhaftet wurden, waren wir zwölf Apostel und Charlie.“

Ein wichtiges Buch, weil es den Opfern gerecht wird, indem es anhand klarer Fakten die Faszination um einen grausamen Killer und seiner Mittäter enttarnt. So sei hier abschließend noch der treffende Titel des Epilogs genannt: „Eine kollektive Geistesstörung“

Vincent Bugliosi mit Curt Gentry: Helter Skelter. Der Mordrausch des Charles Manson. Eine Chronik des Grauens

riva Verlag 2010

ISBN 978-3-86883-057-6

784 Seiten, Hardcover

Preis: 24,90€

Katrin Asmuss

„Keine E-Mail für Dich“ von Franziska Kühne

Fast zögerlich werden die Leser auf das eingestellt, das ihrer in dem Buch harrt. „Warum wir trotz Facebook&Co. vereinsamen“ lautet der Untertitel auf dem Deckblatt des Buches. Direkt darunter ist grafisch ein Sofa dargestellt mit der Aufschrift „Aus dem Alltag einer Therapeutin“.

Den Einstieg bietet dann auch gleich das erste Kapitel über die vielen unterschiedlichen Kommunikationsmöglichkeiten, mit denen wir heutzutage Kontakt halten. Das Telefon ist längst nicht mehr nur Telefon, der Computer ermöglicht via Skype & Co. gleich noch den Rest. Und schon im ersten Absatz wird die Existenz sozialer Netzwerke oder von Online-Dating-Portalen mit der Frage verknüpft, inwiefern diese wirklich „sozial“ sind.

Schattenseiten und ihre Folgen

Jeder kann mit jedem auf allen Kanälen kommunizieren. Die Autorin erläutert in kurzen Zusammenhängen die Tücken dieser vermeintlichen Vereinfachung derart deutlich, dass so manche Lesende einen Aha-Effekt in ihrem tiefsten Inneren angesichts dessen erleben, was sie nur zu gut von sich selbst kennen. Das Zuhören bleibt zum Beispiel auf der Strecke, denn man kann sich parallel zueinander über Themen austauschen. Konflikten muss man sich nicht aussetzen, man geht einfach „off“. Mimik und Gestik fallen vollständig weg und können nur mit vorgegebenen Einheitszeichen symbolhaft und unzureichend dargestellt werden. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist schlichtweg die Zeit.

Oft übernimmt das Smartphone mit akustischen Signalen über die neusten Meldungen aus Twitter, Facebook und E-Mail-Account die Regie über persönliche Treffen. Ein zweifelhafter Vorteil ist weiterhin, das geplante Aktivitäten in der Realität schneller mal eben abgesagt und/oder verschoben werden können, weil ja jeder stets überall erreichbar ist.

Psychotherapie im Zeichen des Internets

Nicht erst seit Cybermobbing und -stalking benötigen die Menschen die Hilfestellung von Therapeuten im Umgang mit den neuen Medien. Der Wandel von sozialen Interaktionen hat sich derart drastisch weiter entwickelt, weil unter anderem die Schamgrenze durch die Anonymität im weltweiten Netz gesunken ist oder Reaktionen der Mitmenschen zeitlich verzögert erfolgen. Und dass die Selbstdarstellung immer eine andere ist als das, was andere Leute wahrnehmen, ist hinlänglich bekannt. So berichtet Franziska Kühne, die ihre psychotherapeutische Praxis in Berlin hat, über die Auswirkungen von Skype-Beziehungen (statt Fernbeziehungen), die Ermöglichung von permanenter Kontrolle und sogar Überwachung, den Verlust von körperlicher Nähe und ähnlichen Neuerscheinungen im Internet-Zeitalter auf die zwischenmenschlichen Kontakte.

Einzelfälle und Studien als Illustration

Bei der Lektüre kommt man schon ins Grübeln angesichts so mancher Überschriften wie zum Beispiel die des Kapitels „Hund-Napf, Mensch-Computer“. Hier wird gleich zu Beginn das Prinzip der Pawlowschen Hunde erklärt und auf den Umgang der Menschen mit ihren Computern übertragen. Auch anhand zahlreicher aktueller Studien veranschaulicht Franziska Kühne, die selbst in Facebook usw. präsent ist, wie wichtig die Selbstreflexion, das tiefe Auch-Mal-Durchatmen inmitten der Informations- und Kommunikationsflut ist. So berichtet sie über eine Klientin, die ihrem Freund eine SMS schickt, die er nicht beantwortet. Bis sie sich im Laufe des Tages so zerfleischt hat, dass sie ihm schließlich eine böse Schlußmach-SMS sendet, bevor er es tut. Ihr Freund meldet sich nachts völlig erschöpft bei ihr zurück mit der Bemerkung, dass sie doch von seinem Dienst am Messestand gewusst hätte.

Kopfkino kontra Realität

Eine andere Frau wollte bei einem männlichen Chatpartner durch eine zusätzliche SMS nicht den Eindruck erwecken, dass sie durch zu viel texten „etwas von ihm wolle“, wodurch der Kontakt schließlich komplett abbrach. Das Kino im eigenen Kopf ist wohl das beste Beispiel für die Auswirkungen auf jene Menschen, die nicht mehr in der Realität miteinander umgehen, sondern nur noch mittels Maschinen. Neben anderen psychischen Störungen könnten sich so Depressionen bald noch rasanter als Krankheitsbild Nummer Eins etablieren.

Kein Jugendlicher kommt heute mehr ohne Facebook aus, denn es ist zu einem wichtigen Teil der Sozialisierung geworden. Genau deshalb gilt die Generation, die mit dem Internet aufwächst, als diejenige, die davon den wirklichen Wert abschöpfen könnte. So die These der Gegenwart.

Kühne bietet gleichermaßen einen Ratgeber und informative Unterhaltung

Wer keine Angst davor hat, hier und da mal den Spiegel vorgehalten zu bekommen, oder wer sich selbst einschätzen, kontrollieren oder gar Auswege aus einer möglichen Internetsucht finden möchte, sollte das Buch von Franziska Kühne unbedingt lesen. Neben ganz alltäglichen Geschichten, Fällen aus ihrer Praxis, die teilweise unterhaltsam, so manches Mal allerdings auch erschütternd sind, regt „Keine E-Mail für dich“ tatsächlich zum Nachdenken oder Überdenken der eigenen Gepflogenheiten bezüglich der Nutzung der unterschiedlichen Kommunikationsmittel an.

Dieses Buch wäre durchaus als Pflichtlektüre geeignet – bestenfalls, noch bevor man sich in die soziale Interaktion via Internet begibt.

Tag & Nacht, 2012, 190 Seiten, Paperback, Preis: 14,99 €, ISBN: 978-3-442-83011-4

Empörung als Ablenkung vom Klartext

Ulrich Stockheim ist ein führender Kommunikationsberater in Wirtschaft und Politik und so weiß er nicht nur, was Tatsachen sind und wer wovon gern ablenken möchte und warum das so ist. Mit seinem Buch „Land der Empörer“ bringt er die wahren Hintergründe von Pseudoskandalen und Rücktritten auf den Punkt, wie u.a. im Hinblick auf den aktuellsten Fall des Karl-Theodor zu Guttenberg.

Ein Abschied der Sprache von der Wirklichkeit ist durchaus gewollt

Die Empörung stellt das simpelste Mittel dar, mit dem sich gut ablenken und manipulieren lässt. In für jeden Menschen verständlichen Formulierungen und Beispielen zeigt Stockheim die Tricks und wahren Hintergründe von so genannten Skandalen auf.

Am Beispiel zu Guttenberg „…kristallisiert sich das ganze Elend der deutschen Debattenkultur. Man könnte eine ganze Doktorarbeit zum Phänomen zu Guttenberg schreiben, darüber, wie sich erst jemand gegen die Empörer positioniert, um dann in einer von ihm selbst ausgelösten Empörungswelle unterzugehen.“

Empörung ist ein prima Mechanismus, den man nur anschubsen muss

Ob als Theaterinszenierung für die Talkshowbühnen oder als Selbstläufer: Im Zusammenhang mit der Margot-Käßmann-Inszenierung nennt Stockmann die rein medialen Instrumente, die hier verwendet werden: „Es ist immer das gleiche Spiel: eine ausführlich vorgetragene Position wird so lange verkürzt und zugespitzt, bis sie in eine Schlagzeile passt – und dann werden beim politischen Personal Kommentare eingesammelt. Fügt man beides zusammen, hat man den Auslöser für die Empörungslawine…“

„Tabukataloge und Sprachwegweiser für diskriminierungsfreies Sprechen“

So lautet ein Kapitel in dem Buch, in dem man den nächsten Stolperstein für Karrieren und Auslöser von Empörungswellen finden kann. Es gibt keine alten Menschen mehr, die heißen jetzt Senioren – und Negerküsse wurden zu Schokoküssen. Das hat seinen Sinn und ist auch in Ordnung. Doch mittlerweile trägt diese Kultur derartige Blüten, dass man stark verunsichert sein muss.

Wer mit dem Lesen dieses Buchabschnitts fertig ist, hat irgendwie das Gefühl, bisher völlig unsensibel durch die Welt gelaufen zu sein – und möchte lieber gar nicht mehr über Politik sprechen, bevor man sich den Mund verbrennt.

Eines weiteres Empörung schürendes Mittel macht einem ebenso bange: „…wie das ständige Fragen nach Grundsätzen die Politik lähmt“. Und andererseits gleichen manche der im Buch aufgeführten Beispiele einer Realsatire. So die „Nicht-Debatte um unser Rentensystem.“

Warum Deutschland nur mit Klartext seine wichtigen Probleme lösen wird

Mit Humor, Verständlichkeit und Alltagsnähe gelingt Ulrich Stockheim in diesem Buch eine wahrhaft spannende und unterhaltsame Aufdeckung von Machtspielchen. Zudem öffnet er selbst geschulten Politikinteressierten die Augen über all die kleinen Details, mit denen manipuliert wird statt Entscheidungen zu treffen, konstruktive Diskussionen zu führen und damit unter anderem auch der Politikverdrossenheit im „Land der Empörer“ entgegenzutreten und gemeinsam Deutschlands Probleme zu lösen.

Ein unbedingt empfehlenswertes Buch!

Ulrich Stockheim: „Land der Empörer. Euro-Krise, Integration, Schulden und Sozialstaat: Warum Deutschland nur mit Klartext seine wichtigen Probleme lösen wird.“ riva Verlag, 2011, 240 Seiten, ISBN 978-3-86883-138-2

Katrin Asmuss