Psychohygiene, Teil I

Sicherlich kann der gesunde Menschenverstand recht schnell mit dem Wort Psychohygiene einiges assoziieren. Mit diesen gedanklichen Verbindungen liegen die meisten Leute auch völlig richtig: Gedanken einfach richtig ablegen, ihnen nachhängen und manche beiseite legen – das Gehirn aufräumen, reinigen und so weiter. Das Gebiet der Psychohygiene ist sehr weit gefächert, deshalb hier nur ein erster Einstieg zur Selbstbeobachtung oder auch einfach nur zur Kenntnis – wie auch immer.

Grundlegende Psychohygiene

Ein gemütliches Beisammensein mit Freunden, Probleme ansprechen und diskutieren, aber einfach auch mal über den nervigen Alltag herummeckern und sich gründlich selbst bedauern – das sind einige der wichtigsten Bausteine der Psychohygiene. Keiner mag die „Hobby-Opfer“ oder diejenigen, die sich permanent in ihrer Selbstherrlichkeit darstellen. Das ist der Tatsache geschuldet, dass alles, was man übertreibt, sowieso immer in das Gegenteil umschlägt oder krasser formuliert: Alles, was übertrieben wird, birgt (Krankheits-)Gefahren in sich. Soll heißen: Sich selbst mal einfach mal loben für eine gute Leistung oder sich in eine Ecke verziehen und alle anderen Menschen im sozialen Umfeld einfach nur doof finden, sind nicht nur völlig normale Verhaltensweisen – im Gegenteil, wer so etwas ab und zu mal zelebriert, reagiert sich optimal ab und erhält sich dabei durchaus gesund. Der eine latscht parallel dazu ..zig Stunden durch den Wald, die nächste joggt, wiederum andere lesen ein Buch oder starren einfach nur in die Luft und freuen sich. So banal und erfüllend kann Glück sein.

Übertreibung und Authentizität

Wie oben schon geschrieben: Vorsicht vor Übertreibung. Sehr gut kann man das illustrieren an dem Zuviel in unserer Industriegesellschaft. Zu jeder Zeit ist alles verfügbar, sofern das nötige Kleingeld da ist. Umso größer ist kurioserweise die Freude, wenn die Erdbeerzeit anbricht oder endlich wieder Spargelsaison ist, um nur zwei Beispiele zu nennen. Ähnlich verhält es sich mit Menschen, die ständig einfach nur gut drauf sind. Ein paar Mal ist das toll, man läßt sich gern anstecken und genießt den Strudel guter Stimmung, in den man mit hineingerissen wird. Alles positiv, alles schick, alles toll – da geht auch dem passivsten Menschen irgendwann die Hutschnur hoch. Weil: Das ist nicht das Leben. Es gibt immer Hoch´s und Tief´s und Hell und Dunkel…usw. Dafür gibt es viele Metaphern von „Himmel und Hölle“ bis „Ying und Yang“. Tatsache bleibt: Wer durchweg nur mit traurigem Gesicht und leidend durch die Pampa latscht, nervt uns irgendwann eben so wie diejenigen, die ständig guter Laune sind. Da fehlt schlicht und ergreifend die Authentizität, um nicht zu sagen: die Normalität, die Ausgewogenheit.

Bauchgefühl und Heilsversprechen

Aus oben genannten Gründen sollte man durchaus kritisch – nicht pessimistisch – durch die Welt laufen und sich vor denen schützen, die versprechen, dass sie alle Probleme lösen und das auch ganz schnell. Da ist sie nämlich wieder – die Übertreibung. Der Glaube, woran auch immer, mag eine gute Stütze für manche Menschen sein. Doch letztendlich bewahrt einen immer nur der gesunde Menschenverstand vor falschen Entscheidungen oder Situationen… und selbstverständlich auch vor Menschen, die einem nicht guttun oder sogar schaden. Das Bauchgefühl ist die erste Entscheidungsstütze, die zweite der gesunde Menschenverstand. Das Verdienst der Wissenschaft besteht auch für Normalo´s in der Neigung, Dinge zu überdenken. Der einfachste Weg anhand des Beispiel bei einer größeren Geldausgabe: Das, was der Verkäufer mir gesagt hat, in Ruhe daheim überprüfen (oder in neudeutsch: googeln), mit engen Vertrauten besprechen und dabei durchaus auch die eigenen Standpunkte noch mal sehr kritisch in Frage zu stellen. Und immer daran denken: Verkäufer sind nicht nur in Läden oder vor der Wohnungstür und am Telefon zu finden, die Seelenverkäufer sind definitiv die schlimmere Variante!

Denken und Bewegung

Sehr wichtige Grundlage für die Psychohygiene -wie für alles andere- ist die Bewegung. Auch das Gehirn ist einfach nur ein Körperteil, das durchblutet wird und in dem haufenweise Prozesse passieren, die uns das Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten… und noch ..zig andere Vorgänge ermöglichen. Ob nun Joggen oder Spazierengehen: Wohl jede/r von uns kennt den Zustand bei entsprechend langer oder intensiver körperlicher Aktivität, in dem man nicht mehr denkt, sondern einfach nur da ist. Wie bei allen körperlichen Vorgängen sollte man genauer hinschauen und sich rechtzeitig von Überforderung schützen. Nachteil beim Gehirn: Man hat beispielsweise keinen Muskelkater, der einen deutlich spürbaren „Warnschuss“ vorab sendet. Hier kann nur jede/r für sich entscheiden, wann eine Pause angesagt ist und man sich einfach mal rausnimmt aus seinem sozialen Umfeld (inklusive Facebook & Co!!!).

…Fortsetzung folgt…

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Warum „SheForHe“ Frauen mehr helfen könnte als „HeForShe“

Gastbeitrag von Tsima Bolik

Kennen Sie den schon?

Nach der Arbeit fährt eine Reinigungskraft ihre Kinder holen und geht kurz einkaufen. Zu Hause sieht sie eine völlig unbekannte Frau im Höschen im Schlafzimmer. Doch anstatt empört zu reagieren, sagt sie „Hallo Schatz, wie war Dein Tag“ und erklärt entschuldigend, warum sie so früh nach Hause kommt. Was ist die plausibelste Erklärung für diese Reaktion?


„HeForShe“ heißt eine Solidaritätskampagne, die sich für Gleichstellung von Frauen und Männern engagiert. Doch warum kommt diese so schleppend voran? Wenn man beispielsweise die geringen Frauenquoten in technischen Studiengängen (z.B. 7% in Mechatronik) betrachtet, dann könnte man meinen, die Emanzipation kämpfe gegen Windmühlen. Sind diese zu stark? Oder könnte es auch sein, dass bestimmte Windmühlen zu wenig beachtet werden?
Vieles spricht dafür, dass es dem Feminismus paradoxerweise dienlicher wäre, weniger über moderne Frauen und mehr über moderne Männer nachzudenken:

 

Eine einfache Erklärung – pinke und blaue Sitze

Stellen wir uns einen Saal vor, in dem 50 Frauen auf pinken Stühlen Platz nehmen, und 50 Männer auf blauen Stühlen. Bis irgendwann einige Frauen zu der Ansicht geraten: „Pinke Stühle sind ja ganz nett – aber ein blauer wäre mir lieber.“ Die Männer hingegen bleiben bei der Ansicht: „Ein pinker Stuhl? Ich? Auf keinen Fall!“. Was wäre in diesem Szenario diejenige Aufteilung, die möglichst wenig Menschen unglücklich machen würde?
Es wäre genau die gleiche Aufteilung wie bisher. Frauen auf pink, Männer auf blau. Denn bei jedem Tausch würde zwar eine Frau ein bisschen glücklicher, aber dafür ein Mann wesentlich unglücklicher. Stillstand ist
die reibungsärmere Variante.
Nun stehen bei diesem Gleichnis pinke Stühle für Hausarbeit, Kinderbetreuung, Geringverdienst und weniger berufliche Selbstverwirklichung, während auf blauen Stühlen die Ernährenden mit Vollzeitjob und Überstunden sitzen. Ignorieren wir für einen Moment, dass es (zum Glück) auch blau-pinke Mischformen gibt, lässt sich das  Verteilungsproblem übertragen: Solange den meisten Männern die pinken Stühle unattraktiv erscheinen, wird es bestenfalls Frauen geben, die sich einen blauen Stuhl erkämpfen. Wer aber statt Geschlechterkampf ein harmonisches Miteinander wünscht, der braucht für eine reibungsfreie, gerechtere Verteilung mehr Männer, die auf pinken Stühlen sitzen wollen.
Doch warum gibt es so wenige, und wie lässt sich das ändern?

 

Die Männer sind schuld!

Öfter als wir es uns eingestehen wollen, nehmen wir traditionelle Rollenbilder als selbstverständlich an – und sind im Umkehrschluss nicht bereit für neue Wege. Beispielsweise ist die Anzahl der Männer, die sich zur Betreuung eines kranken Kindes beurlauben lassen, immer noch deutlich niedriger als die der Frauen – da guckt der Chef ja auch nicht so komisch.

Ein Beispiel hierfür erfuhr ich selbst, als ich bei meinem Diplombetreuer um mehr Zeit bat. Der Grund war, dass meine Partnerin Studium und Job gleichzeitig schultern musste, und unser Sohn Aufsicht brauchte. Ich erntete einen mitleidigen Blick, und drei Minuten später den Ratschlag „Machen Sie Ihrer Frau klar, dass Sie in den nächsten fünf Wochen nicht zur Verfügung stehen“. Und obwohl mein Betreuer eigentlich eine nette Person war, hatte dieser Satz beide Geschlechter gleichzeitig arrogant vor den Kopf gestoßen – die Frau, die sich gefälligst ums Kind zu kümmern hat, und den Mann, der das mit der Kinderaufsicht ja wohl hoffentlich nicht ernst gemeint hat.
Falls wir Männer doch mal in eine weiblichere Rolle geraten, ist das ein Auswärtsspiel, wo uns mangelndes Selbstbewusstsein hemmt. Wie schnell dieses von 100 auf 0 in den Keller rutschen kann, musste ein Kollege von mir erfahren, der seiner Dozentin angetrunken zu verstehen gab, dass man bei den Teamsitzungen ihr unter den Rock schauen konnte, wenn sie auf dem Barhocker saß – dass ihm der Anblick aber gut gefiel. Seine Selbstsicherheit wurde dann mit einer Ohrfeige auf den Boden geholt, und per Mail bestätigte die Dozentin nochmal, die Ohrfeige sei berechtigt gewesen. Sie wurde nicht weiter verfolgt – aber was wäre umgekehrt gewesen, hätte eine Studentin einem Professor anzügliche Komplimente gemacht, dieser hätte sie geohrfeigt und dann auch noch per Mail seine Handlung als richtig bezeichnet? Er hätte genauso gut seine Kündigung mailen können. Kaum eine Studentin würde das durchgehen lassen, zumal mit Beweismittel. Aber wo gibt es einen Männerbeauftragten, der den Geohrfeigten unterstützt? Zumindest nicht an der TU Berlin.
Beide Beispiele zeigen, dass wir Männer Schwierigkeiten haben, vermeintlich schwächere Rollen einzunehmen, womit wir bei einem dritten Problem wären: Männliche Rollen sind bequemer. Am Ende des Tages rudern wir dann doch lieber nicht gegen den Strom subtiler Hindernisse und tendieren öfter zu klassischen beruflichen und sozialen Verhältnissen. Die Ausnahmen bestätigen hier die Regel, machen aber noch keine Quote.
Die Bequemlichkeit herkömmlicher Konstellationen ist wiederum ein Hindernis in der Partnerfindung für beruflich erfolgreiche Frauen – denn jene Männer, die zum einen ihren Ansprüchen gerecht werden, und zum anderen selbstbewusst genug sind, der Geringverdiener in der Partnerschaft zu sein, sind noch rar.

 

Die Frauen sind schuld!

Natürlich sind es nicht nur Männer, die ihrer eigenen Modernisierung im Weg stehen – auch viele Frauen, ironischerweise oft die emanzipiertesten. Denn das Belächeln von Hausfrauentätigkeiten, welche in den Augen mancher Vorstandschefin die geringere Leistung oder Selbstverwirklichung bedeuten, geht nach hinten los. Dabei ist diese Haltung verhandlungsstrategisch ein grober Patzer: Wer einen pinken gegen einen blauen Stuhl tauschen will, ist ziemlich schlecht beraten, über pinke Stühle zu lästern. Das Gegenteil könnte vielleicht Wunder wirken, aber wie oft findet man die selbstbewusste Hausfrau, die ihr Leben zwischen Kindern und Küche genauso spannend darstellt wie ihr Gatte, der im Betrieb sechsstellige Summen unter Hochdruck verwaltet? Es wäre jedenfalls falsch, eine solche Dame als Bremse feministischer Ziele zu diffamieren. Denn Werbung für pinke Stühle gibt es viel zu wenig. Und wenn von beiden Geschlechtern die blauen Sitze als attraktiver wahrgenommen werden, dann gibt es nur noch zwei Alternativen: Geschlechterkampf und/oder Stillstand.
Falls sich dann doch mal ein Mann findet, der sich in traditionell weiblichen Disziplinen versucht, trifft ihn oft fehlendes Zutrauen: viele Frauen sind beispielsweise überzeugt davon, in punkto Intuition und Multitasking ihrem Partner überlegen zu sein. Was wichtige Voraussetzungen für Mutter-Tätigkeiten sind.
Interessanterweise konnte aber die Psychologie bis heute nicht belegen, dass Männern hier irgendeine Minderbegabung angeboren wäre; Intuition und Multitaskingfähigkeit sind je nach Situation anders ausgeprägt, und schlicht eine Frage des Trainings. Die falsche Überzeugung, dass auf diesen Gebieten Frauen unweigerlich überlegen wären, ist aber bei beiden Geschlechtern verbreitet.
Das größte Emanzipationshemmnis produzieren Frauen möglicherweise durch ihr Partnerwahlverhalten. Ein Journalist erlaubte sich den Spaß, mit haargenau dem gleichen Profil bei einer Partneragentur zweimal auf Partnersuche zu gehen, wobei er nur ein kleines Detail änderte: das erste Mal war er vorgeblich Erzieher, das zweite Mal Pilot. Letzterer bekam deutlich mehr Zuschriften. Brisant war vor allem, dass von den Frauen mit akademischer Ausbildung und Kinderwunsch keine einzige dem Erzieher geschrieben hatte, aber Dutzende dem Piloten. Und diesen Damen hätte ich wirklich gerne die provokante Frage gestellt: „Sacht mal, meint ihr das mit der Vereinbarkeit von Kind und Beruf eigentlich ernst?“ Wenn ja, dann gibt es doch kaum etwas besseres als einen Erzieher als Vater! Er ist vom Fach, vor Ort, und vielleicht eher noch zu einer Elternzeit zu bewegen als ein Manager. Und garantiert eher als ein Pilot, der sicher nicht das kranke Kind spontan von der Kita abholt, wenn sein Flieger in Rio gelandet ist. Auf den Punkt gebracht: Solange sogar Frauen, die Kinder wollen und eigentlich selbst genug verdienen könnten, viel lieber Piloten als Erzieher zum Parnter hätten, werden die Männer pinke Stühle nur unfreiwillig besetzen. Oder gar nicht.

 

Wir alle machen den Wind

Es wäre natürlich bequem, die Forderung nach Änderung allein den Institutionen zu überlassen: Die sollen doch bitte Männerbeauftragte einführen, Schwangerschaftskurse für Männer, das Thema in die Medien bringen usw. Der Bund gibt Millionen aus, um Frauen blaue Stühle schmackhaft zu machen – die Umkehrung könnte wirkungsvoller sein.

Es ist aber nicht nur Aufgabe des Staates, wenn moderne Frauen und Männer gegen Windmühlen kämpfen. Deren Wind ist keine Naturgewalt, sondern die Summe der vielen kleinen Meinungen und Entscheidungen im Alltag. Hier sind zwei Gruppen gefordert: Frauen und Männer.
Ein Stück weit müssen wir uns alle eingestehen, dass in unseren Gehirnwindungen alte Denkmuster stecken, die wir nicht von heute auf morgen abschütteln werden. Wer aber eine Welt möchte, in der der Kopf und nicht das letzte Chromosom über den Beruf entscheidet, sollte sich nicht nur für Frauen in Technikberufen, sondern auch für Männer auf dem Spielplatz stark machen. Und dies unterstützt man, indem man zum Beispiel
• interessierte Fragen stellt, wenn jemand von seiner Phase als Hausmann erzählt
• sich selbst hinterfragt, ob man typisch weibliche Lebensmuster gleichermaßen schätzt und spannend findet
Wer derlei Mindsets verinnerlicht, sollte auch die Lösung unserer Eingangs-Scherzfrage finden: Die Reinigungskraft ist ein Mann, die Unbekannte ist eine Freundin der Frau, und wollte sich eine Hose leihen.

Bugliosi: „Helter Skelter. Der Mordrausch des Charles Manson“

Bereits im Vorwort stellt Vincent Bugliosi klar, dass er keinesfalls am zweifelhaften Ruhm des wohl berühmtesten Massenmörders teil haben will, sondern es ihm nicht nur von Berufs wegen um die Opfer geht. Das weltweite Interesse an Geburtstagen des Killers oder den Jahrestagen des Verbrechens befremden ihn eher. Das war für Bugliosi der Grund, gemeinsam mit dem Schriftsteller Curt Gentry die Chronologie des Grauens zu schreiben. Dafür erhielten sie den Edgar Allan Poe Award.

So strukturiert wie Bugliosi als Staatsanwalt arbeitete, ist auch das Buch aufgebaut

Die Bildunterschriften zu den Fotos, Übersichtskarten und Skizzen im Teil mit den Abbildungen folgen praktischerweise direkt dem Vorwort. Natürlich blättert der Leser daraufhin zunächst zur Mitte des Buches und verschafft sich so einen visuellen Überblick zum kompletten Geschehen und allen Beteiligten. Danach folgt eine Auflistung der auftretenden Personen, bis die Autoren schließlich mit „Teil 1: Die Morde“ fortfahren. So stellt man sich die offizielle Akte vor, bis Bugliosi als leitender Staatsanwalt im Prozess gegen die „Manson Familiy“ die Ermittlungen selbst leitet und protokolliert.

Selbst wenn es um Nebenschauplätze und Prominente geht, wie beispielsweise Truman Capote, der in Johnny Carsons Tonight Show zu einer Diskussion über das Verbrechen eingeladen wurde, bleibt Bugliosi bei den Fakten – alles belegbar anhand von Protokollen, Notizen, Verhören usw.

Weltanschauung, Hippie-Kultur und Beatles – Manson benutzte sie alle

Nicht umsonst wurde „Helter Skelter“ zum Weltbestseller und über sieben Millionen Mal verkauft. Es wird Mansons Kindheit beschrieben und wie junge Menschen in die Fänge dieses ungebildeten, aber rhetorisch begabten Kerls geraten konnten. Am deutlichsten zeigt sich das wohl an dem Schlüssel-Begriff „Helter Skelter“, dessen Wortsinn Manson nicht klar war – seine göttlichen Idole, die Beatles, sprachen britisches Englisch und kein amerikanisches. Durch den zufälligen Kontakt zu Denis Wilson von den Beach Boys, bei dem die Family zeitweise wohnte, versuchte Manson, ebenfalls zu einem Gott zu werden – ohne Erfolg. Also gründete er seine eigene Kommune, die „Manson Family“ und erfand eine eigene Weltanschauung, die er „Helter Skelter“ nannte. Nach den Morden an der Schauspielerin Sharon Tate (damalige schwangere Frau von Regisseur Roman Polanski) und ihren Freunden brodelte die Gerüchteküche, es herrschte Angst bei den Hollywood-Größen von Steve MacQueen bis Frank Sinatra, Partys wurden abgesagt und Misstrauen beherrschte die Menschen.

Laut Linda Kasabian litt die komplette Family unter „Verfolgungswahn vor den Schwarzen“

Kasabian war einst Jüngerin von Charles Manson und eine der wichtigsten Zeuginnen in den Ermittlungen. Während sich Bugliosi mit den Tücken der Gesetzgebung und der Zusammentragung von Fakten herumschlug, tat sich parallel dazu vor ihm ein unglaubliches Szenario auf: Aus dem einst Kleinkriminellen und erfolglosen Künstler war mittlerweile der selbst ernannte Gott, Menschenhändler, Zuhälter und Rassist Charles Manson geworden, der insofern Morde ganz vorsätzlich plante, weil er sie wissentlich so befahl, dass er selbst sich dabei die Finger nicht schmutzig machte. Laut seiner Theorie würden die Schwarzen die Weltherrschaft übernehmen, indem sie die Weißen überfielen und abschlachteten. Letztlich jedoch war es die Manson Family, die Roman Polanskis Ehefrau Sharon Tate und ihre Freunde abschlachteten, ebenso wie ihre späteren Opfer, die LaBiancas.

Blinder Gehorsam, endlich ein Zuhause, Sex als Liebesersatz und Drogen…

Es waren sicherlich verwahrloste Kinder, die in Mansons Hände fielen. Doch sie alle wussten, was Recht und Unrecht ist. In mühevoller Kleinarbeit konnten Bugliosi und seine Kollegen dies beweisen – und überlebten. Nicht jedem war dieses Glück beschieden, denn während des Prozesses wurden weitere Morde in Auftrag gegeben oder angedroht.

Manson selbst war übrigens gar nicht so sexbesessen, wie es die Legende gern behauptet. Vielmehr bot er seine Jüngerinnen als Ware an, damit er seine Kommune vergrößern konnte. Damit das funktionierte, verbot er unter anderem auch den Kontakt zwischen Müttern und Kindern. Unvorstellbar und wohl nur mit psychischen Folgeschäden vom übermäßigen Drogenkonsum in der Kommune erklärbar ist die Tatsache, dass diese Frauen Manson sogar im Nachhinein, während des Prozesses noch beschützten. So sagte Ruth Ann Moorehouse, Mitglied der Family: „Kurz bevor wir in der Wüste verhaftet wurden, waren wir zwölf Apostel und Charlie.“

Ein wichtiges Buch, weil es den Opfern gerecht wird, indem es anhand klarer Fakten die Faszination um einen grausamen Killer und seiner Mittäter enttarnt. So sei hier abschließend noch der treffende Titel des Epilogs genannt: „Eine kollektive Geistesstörung“

Vincent Bugliosi mit Curt Gentry: Helter Skelter. Der Mordrausch des Charles Manson. Eine Chronik des Grauens

riva Verlag 2010

ISBN 978-3-86883-057-6

784 Seiten, Hardcover

Preis: 24,90€

Katrin Asmuss

„Keine E-Mail für Dich“ von Franziska Kühne

Fast zögerlich werden die Leser auf das eingestellt, das ihrer in dem Buch harrt. „Warum wir trotz Facebook&Co. vereinsamen“ lautet der Untertitel auf dem Deckblatt des Buches. Direkt darunter ist grafisch ein Sofa dargestellt mit der Aufschrift „Aus dem Alltag einer Therapeutin“.

Den Einstieg bietet dann auch gleich das erste Kapitel über die vielen unterschiedlichen Kommunikationsmöglichkeiten, mit denen wir heutzutage Kontakt halten. Das Telefon ist längst nicht mehr nur Telefon, der Computer ermöglicht via Skype & Co. gleich noch den Rest. Und schon im ersten Absatz wird die Existenz sozialer Netzwerke oder von Online-Dating-Portalen mit der Frage verknüpft, inwiefern diese wirklich „sozial“ sind.

Schattenseiten und ihre Folgen

Jeder kann mit jedem auf allen Kanälen kommunizieren. Die Autorin erläutert in kurzen Zusammenhängen die Tücken dieser vermeintlichen Vereinfachung derart deutlich, dass so manche Lesende einen Aha-Effekt in ihrem tiefsten Inneren angesichts dessen erleben, was sie nur zu gut von sich selbst kennen. Das Zuhören bleibt zum Beispiel auf der Strecke, denn man kann sich parallel zueinander über Themen austauschen. Konflikten muss man sich nicht aussetzen, man geht einfach „off“. Mimik und Gestik fallen vollständig weg und können nur mit vorgegebenen Einheitszeichen symbolhaft und unzureichend dargestellt werden. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist schlichtweg die Zeit.

Oft übernimmt das Smartphone mit akustischen Signalen über die neusten Meldungen aus Twitter, Facebook und E-Mail-Account die Regie über persönliche Treffen. Ein zweifelhafter Vorteil ist weiterhin, das geplante Aktivitäten in der Realität schneller mal eben abgesagt und/oder verschoben werden können, weil ja jeder stets überall erreichbar ist.

Psychotherapie im Zeichen des Internets

Nicht erst seit Cybermobbing und -stalking benötigen die Menschen die Hilfestellung von Therapeuten im Umgang mit den neuen Medien. Der Wandel von sozialen Interaktionen hat sich derart drastisch weiter entwickelt, weil unter anderem die Schamgrenze durch die Anonymität im weltweiten Netz gesunken ist oder Reaktionen der Mitmenschen zeitlich verzögert erfolgen. Und dass die Selbstdarstellung immer eine andere ist als das, was andere Leute wahrnehmen, ist hinlänglich bekannt. So berichtet Franziska Kühne, die ihre psychotherapeutische Praxis in Berlin hat, über die Auswirkungen von Skype-Beziehungen (statt Fernbeziehungen), die Ermöglichung von permanenter Kontrolle und sogar Überwachung, den Verlust von körperlicher Nähe und ähnlichen Neuerscheinungen im Internet-Zeitalter auf die zwischenmenschlichen Kontakte.

Einzelfälle und Studien als Illustration

Bei der Lektüre kommt man schon ins Grübeln angesichts so mancher Überschriften wie zum Beispiel die des Kapitels „Hund-Napf, Mensch-Computer“. Hier wird gleich zu Beginn das Prinzip der Pawlowschen Hunde erklärt und auf den Umgang der Menschen mit ihren Computern übertragen. Auch anhand zahlreicher aktueller Studien veranschaulicht Franziska Kühne, die selbst in Facebook usw. präsent ist, wie wichtig die Selbstreflexion, das tiefe Auch-Mal-Durchatmen inmitten der Informations- und Kommunikationsflut ist. So berichtet sie über eine Klientin, die ihrem Freund eine SMS schickt, die er nicht beantwortet. Bis sie sich im Laufe des Tages so zerfleischt hat, dass sie ihm schließlich eine böse Schlußmach-SMS sendet, bevor er es tut. Ihr Freund meldet sich nachts völlig erschöpft bei ihr zurück mit der Bemerkung, dass sie doch von seinem Dienst am Messestand gewusst hätte.

Kopfkino kontra Realität

Eine andere Frau wollte bei einem männlichen Chatpartner durch eine zusätzliche SMS nicht den Eindruck erwecken, dass sie durch zu viel texten „etwas von ihm wolle“, wodurch der Kontakt schließlich komplett abbrach. Das Kino im eigenen Kopf ist wohl das beste Beispiel für die Auswirkungen auf jene Menschen, die nicht mehr in der Realität miteinander umgehen, sondern nur noch mittels Maschinen. Neben anderen psychischen Störungen könnten sich so Depressionen bald noch rasanter als Krankheitsbild Nummer Eins etablieren.

Kein Jugendlicher kommt heute mehr ohne Facebook aus, denn es ist zu einem wichtigen Teil der Sozialisierung geworden. Genau deshalb gilt die Generation, die mit dem Internet aufwächst, als diejenige, die davon den wirklichen Wert abschöpfen könnte. So die These der Gegenwart.

Kühne bietet gleichermaßen einen Ratgeber und informative Unterhaltung

Wer keine Angst davor hat, hier und da mal den Spiegel vorgehalten zu bekommen, oder wer sich selbst einschätzen, kontrollieren oder gar Auswege aus einer möglichen Internetsucht finden möchte, sollte das Buch von Franziska Kühne unbedingt lesen. Neben ganz alltäglichen Geschichten, Fällen aus ihrer Praxis, die teilweise unterhaltsam, so manches Mal allerdings auch erschütternd sind, regt „Keine E-Mail für dich“ tatsächlich zum Nachdenken oder Überdenken der eigenen Gepflogenheiten bezüglich der Nutzung der unterschiedlichen Kommunikationsmittel an.

Dieses Buch wäre durchaus als Pflichtlektüre geeignet – bestenfalls, noch bevor man sich in die soziale Interaktion via Internet begibt.

Tag & Nacht, 2012, 190 Seiten, Paperback, Preis: 14,99 €, ISBN: 978-3-442-83011-4

Empörung als Ablenkung vom Klartext

Ulrich Stockheim ist ein führender Kommunikationsberater in Wirtschaft und Politik und so weiß er nicht nur, was Tatsachen sind und wer wovon gern ablenken möchte und warum das so ist. Mit seinem Buch „Land der Empörer“ bringt er die wahren Hintergründe von Pseudoskandalen und Rücktritten auf den Punkt, wie u.a. im Hinblick auf den aktuellsten Fall des Karl-Theodor zu Guttenberg.

Ein Abschied der Sprache von der Wirklichkeit ist durchaus gewollt

Die Empörung stellt das simpelste Mittel dar, mit dem sich gut ablenken und manipulieren lässt. In für jeden Menschen verständlichen Formulierungen und Beispielen zeigt Stockheim die Tricks und wahren Hintergründe von so genannten Skandalen auf.

Am Beispiel zu Guttenberg „…kristallisiert sich das ganze Elend der deutschen Debattenkultur. Man könnte eine ganze Doktorarbeit zum Phänomen zu Guttenberg schreiben, darüber, wie sich erst jemand gegen die Empörer positioniert, um dann in einer von ihm selbst ausgelösten Empörungswelle unterzugehen.“

Empörung ist ein prima Mechanismus, den man nur anschubsen muss

Ob als Theaterinszenierung für die Talkshowbühnen oder als Selbstläufer: Im Zusammenhang mit der Margot-Käßmann-Inszenierung nennt Stockmann die rein medialen Instrumente, die hier verwendet werden: „Es ist immer das gleiche Spiel: eine ausführlich vorgetragene Position wird so lange verkürzt und zugespitzt, bis sie in eine Schlagzeile passt – und dann werden beim politischen Personal Kommentare eingesammelt. Fügt man beides zusammen, hat man den Auslöser für die Empörungslawine…“

„Tabukataloge und Sprachwegweiser für diskriminierungsfreies Sprechen“

So lautet ein Kapitel in dem Buch, in dem man den nächsten Stolperstein für Karrieren und Auslöser von Empörungswellen finden kann. Es gibt keine alten Menschen mehr, die heißen jetzt Senioren – und Negerküsse wurden zu Schokoküssen. Das hat seinen Sinn und ist auch in Ordnung. Doch mittlerweile trägt diese Kultur derartige Blüten, dass man stark verunsichert sein muss.

Wer mit dem Lesen dieses Buchabschnitts fertig ist, hat irgendwie das Gefühl, bisher völlig unsensibel durch die Welt gelaufen zu sein – und möchte lieber gar nicht mehr über Politik sprechen, bevor man sich den Mund verbrennt.

Eines weiteres Empörung schürendes Mittel macht einem ebenso bange: „…wie das ständige Fragen nach Grundsätzen die Politik lähmt“. Und andererseits gleichen manche der im Buch aufgeführten Beispiele einer Realsatire. So die „Nicht-Debatte um unser Rentensystem.“

Warum Deutschland nur mit Klartext seine wichtigen Probleme lösen wird

Mit Humor, Verständlichkeit und Alltagsnähe gelingt Ulrich Stockheim in diesem Buch eine wahrhaft spannende und unterhaltsame Aufdeckung von Machtspielchen. Zudem öffnet er selbst geschulten Politikinteressierten die Augen über all die kleinen Details, mit denen manipuliert wird statt Entscheidungen zu treffen, konstruktive Diskussionen zu führen und damit unter anderem auch der Politikverdrossenheit im „Land der Empörer“ entgegenzutreten und gemeinsam Deutschlands Probleme zu lösen.

Ein unbedingt empfehlenswertes Buch!

Ulrich Stockheim: „Land der Empörer. Euro-Krise, Integration, Schulden und Sozialstaat: Warum Deutschland nur mit Klartext seine wichtigen Probleme lösen wird.“ riva Verlag, 2011, 240 Seiten, ISBN 978-3-86883-138-2

Katrin Asmuss

Schlagfertigkeit-Training

Nach einer erfolgten Kränkung wissen die meisten erst nachher, was sie jemandem hätten sagen müssen, können, sollen – im entscheidenden Moment fehlt es jedoch oft an der gewünschten Schlagfertigkeit. Doch die kann man erlernen, in speziellen Trainings.

Erste-Hilfe-Maßnahmen für mehr Schlagfertigkeit

Die simpelste Methode ist es immer, einfach abzulenken. Wenn der dreiste Jung-Chef einen wieder duzt, obwohl man das bitte nicht wünscht (zum derzeitigen Du-Wahn folgt später ein separater Text), könnte man einfach sagen: „Okay, wann und wo? Aber Sie (!!!) bezahlen!“ Wenn er sie irritiert anschaut, lässt man ihn einfach in Ruhe, denn es gehört sich nicht, Fragen zu beantworten, die einem gar nicht gestellt werden. Und wer will schon dem Chef zu nahe treten?! Falls er nachfragt, kann man spezifizieren: „Wir haben eine Menge miteinander ausgehandelt – das DU war nicht dabei. Für mich gehört dazu eine private Atmosphäre und keine dienstliche. Wünschen Sie (!!!) das wirklich?!“ Der Rest dieses Gespräch ergibt sich von selbst – denn jetzt sitzen Sie am Ruder, weil sie die Gesprächsführung übernommen und gleichzeitig Grenzen gesetzt haben… und das sogar sehr freundlich. Sein Papi hätte dem überforschen Sohnemann-Chef wahrscheinlich verbal eins auf die Mütze gegeben für die Unhöflichkeit, einfach so andere Leute zu duzen, wenn dieser Fauxpas in Papis Freundes- oder Geschäftspartnerkreis geschehen wäre.

Schlagfertigkeit bei sexuellen Anmachen

Das beste Beispiel für die angemessene Reaktion auf sexuelle Anmachen habe ich, ehrlich gesagt, außerhalb meiner Beratungspraxis gehört. In der Ausdrucksweise drastisch, aber umso deutlicher: Ein Klassenkamerad sagt einer Mitschülerin nach den Sommerferien: „Boah, hast du T***** gekriegt!“. Sie schaut mit kritischem Blick und gerunzelter Stirn an ihm herunter, bleibt mit ihrem Blick an seinem Genitalbereich haften und entgegnet: „Das darfst du mir erst sagen, wenn du dir hast einen S****** wachsen lassen!“ Das Gelächter aller Mitschüler (auch der männlichen) belohnte sie für ihre Direkheit. Es ist einer der ältesten Irrtümer der Menschheit, dass Männer das andere Geschlecht stets und ständig bewerten dürfen, egal ob sie selbst dickbäuchig, alt und häßlich sind. Hoffentlich räumt eine der kommenden Generationen endlich damit auf – oder glauben Männer etwa wirklich, dass Frauen allein ihre rasende Begeisterung für Fussball-Sport ausleben, wenn es eine WM oder EM mit lauter knackigen Typen auf dem Feld gibt? Diese eben genannte junge Pubertierende lässt jedenfalls auf bessere Zeiten mit jungen Frauen ohne Model-Berufswunsch hoffen.

Die obigen Beispiele und was dahinter steht

Und wenn man wirklich mal ganz intensiv überlegt, welche Situationen etwas grenzwertig sind im Kontakt mit anderen Menschen, stellt man fest, dass es zunehmend wichtiger wird, sich insbesondere vor verbalen Übergriffen zu schützen. Das ist zudem eine gute Prävention für schlimmere Situationen – je charmanter und entspannter (nicht desinteressiert oder gleichgültig!) man trotz allem bleibt, umso deeskalierender wirkt man auf Andere. Um die eigene Schlagfertigkeit effektiv zu trainieren, sind also sehr viele Aspekte nötig. In diesem Text sind ja schon einige genannt worden. Abschließend noch eine Leitlinie: Sofern man klare Meinungen hat (wie zum Beispiel jene, die ich im Laufe dieses Textes vertrete, wobei es mir tatsächlich völlig egal ist, wem und ob diese Anschauungen gefallen oder nicht) und wenn man obendrein mit diesen Meinungen völlig entspannt im Reinen ist, dann hat man schon mal entschieden weniger Blockaden im Kopf, um eine gewisse Schlagfertigkeit an den Tag legen zu können. Und das ohne große Aufregung, zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, der richtigen Person gegenüber und mit einer adäquaten Verhaltensweise!

 

 

Anmeldung zum Training „Schlagfertigkeit“:

Experten-Schwemme und Star-Schwärme

Seit langer Zeit werden wir von einem Phänomen heimgesucht, dessen Tragweite wir uns manchmal gar nicht so bewusst sind: Die Experten-Schwemme überrollt uns und Star-Schwärme attackieren uns wie einst auf der Kino-Leinwand „Die Vögel“ von Alfred Hitchcock. Nur das Star-Aufkommen in diesem Filmklassiker ist realer als das, was uns täglich verkauft werden soll.

Berufsbild „Experte“

Bei jedem echten oder inszenierten oder echt aufgebauschten Skandal übertrumpfen sich die Medien darin, Experten vorzuführen, die ihre Analysen, Prognosen und Meinungen kundtun. Besonders im TV ist dieses Phänomen derart ausgeprägt, dass man sich -zumindest als denkender Zuschauer – so manches Mal fragt: „Gut, das ist also Doktor Wurscht (Anm.d.Verf.: Ähnlichkeiten sind rein zufällig, den Wurscht habe ich gerade frei erfunden), der Experte für X. Aber in was hat der Wurscht denn seinen Doktor gemacht, was macht er überhaupt beruflich und welche Erfahrungen hat er in diesem Fachgebiet?“ An der Stelle kann man die Glotze getrost ausschalten.

In Zeitungen findet die Leserschaft wenigstens noch einen Informationskasten, der im Text eingebettet ist und Doktor Wurschts Kurzvita druckt. Im Radio gibt es in der Regel auch Hintergrund-Informationen zur Person des herbeigerufenen Experten, der im Sinne des Selbstmarketings natürlich gern zusagt. Im TV wird oft damit gespielt, dass alles echt ist, was man sieht, denn die aktuell übertragenen Bilder sieht man ja nun mal gerade – ergo ist auch das Expertentum von Doktor Wurscht echt. Aha.

Der Staren-Schwarm

Gibt es eigentlich eine Vogelzucht, die sich auf Staren bezieht? Oder sind die Menschen ausschließlich an der Zucht ihrer eigenen Stars interessiert? Das wäre zumindest schon einmal ein großer und mutmachender Lichtblick, was den Tierschutz betrifft.

Ein Künstler benötigt für den Erfolg nicht nur Talent, die Beherrschung seines Handwerks und gute Kontakte, sondern insbesondere Durchhaltevermögen. Nur mit den Eigenschaften Geduld und Demut entsteht ein Star. Nach etwa zehn bis zwanzig Jahren ist diese Entwicklung abgeschlossen – nach …zig Kunstwerken seiner Zunft und -höre und staune- nach etlichen Tiefs und Wiederauferstehungen. Sprich: Die sogenannten Comebacks (gesprochen: Kommbäck, in deutsch: Zurückkommen) gehören also eigentlich zum ganz normalen Star-Prozedere. So wie es bei Tipi Hendren und Rod Taylor der Fall war, den Stars (nicht Staren!) aus „Die Vögel“ vom Star-Regisseur Alfred Hitchcock.

Es reicht also nicht aus, sich einem Schwarm von tausenden Leuten anzuschließen, um dann von Wem-Auch-Immer gesagt zu bekommen, dass man schön sei, gut singen könne oder so. Diese Methode mit „Zack,Krönchen aufs Häuptchen, fertig ist der Star“ funktioniert nicht, jedenfalls nicht langfristig. Oder nur durch Zufall.

Die Bekämpfung von Experten-Schwemmen und Star-Schwärmen

51FWqQvoc-L._AC_SR98,95_Wie also sieht die Gegenwehr gegen jene zwei Plagen unserer Zeit aus? Kurzfassung: Denken hilft! Und wer nach ein paar Sekunden, Minuten, Stunden…-jeder Mensch ist anders und benötigt unterschiedliche Zeitspannen- einfach sagt: „Stopp, ich lasse mir hier doch nicht ein X als U verkaufen“, der schaltet einfach das Hirn ab und die Glotze aus. Falls man sich jedoch für das Thema interessiert, das von einem Schein-Experten oder Nicht-Star heimgesucht wird, dann informiert man sich anhand seriöser Quellen, was sicherlich etliche Klicks im Internet oder längeres Seitenblättern in Büchern zur Folge hat, schaltet sein logisches Denkvermögen ein und erspart sich damit einen Haufen unnützen Wissens, das im Hirn nur sinnlos Platz raubt. Eines sollte einem jedenfalls klar sein: Ein paar Jahre bis Jahrzehnte unablässiges Grasen auf  der Hochleistungs-Weide sind unausweichlich, bevor der Experte ein Experte ist und der Star ein Star.

Zusatz: Ich weiß, dass Star das englische Wort für „Stern“ ist – aber die Schwarm-Intelligenz von Staren beeindruckt mich einfach mehr als Star-Allüren. Deshalb habe ich das Vogel-Gleichnis gewählt.

Katrin Asmuss